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“Was machen Sie hier?” wird Nina begrüßt, als sie noch voller Adrenalin auf den Boden des Flugzeugs sinkt. Dass Julie neben ihr sitzt, lässt sie erstmal ungläubig und erleichtert auflachen. Das bringt ihr einen irritierten Blick des flugbegleitenden Kollegen ein. Das Flugzeug ist währenddessen schon losgerollt. Hinter ihnen kann Nina Schüsse hören. Statt eine Antwort zu geben, dreht Nina vorsichtig ihren Kopf nach links, Richtung Julie. Ihr Herz klopft so schnell, dass Nina sicher ist, alle anwesenden können es hören, trotz der Geräusche, die das Flugzeug von sich gibt. Nina ist nicht wirklich überrascht, dass Julie sie auch ansieht. Die andere Frau sieht genauso aus, wie Nina sich fühlt. Ihre dunklen Augen sind voller Überraschung. Nina vermutet, dass auch Julie nicht mehr damit gerechnet hat, die Flucht durch den Flughafen zu überleben. Außerdem liegen in Julies Augen Dankbarkeit und Schock. Nina denkt, dass ihre eigenen Augen wohl ein heller Spiegel sind. Ein Räuspern stört den intensiven Blickkontakt der beiden Frauen. Ninas Blick gleitet zu ihrem Kollegen, gleichzeitig greift sie nach Julies Hand, noch nicht bereit, den Kontakt abreißen zu lassen.
“Wir werden beschossen. Ich komme erstmal mit” erklärt sie knapp und hofft, dass er sich damit zufriedengibt. Ihr ist bewusst, dass sie gerade alle Regeln des Zeugenschutzes brechen und vermutlich fällt das Unterfangen auch unter illegale Ausreise, aber wenn die Alternative ein schmerzhafter Tod durch eine Kugel ist, bricht Nina gern all diese Regeln. Ein kleiner Teil von ihr ist auch froh, dass sie Julie noch nicht sich selbst überlassen muss. Diesen Teil schiebt sie aber beiseite. Erstmal versucht Nina wieder runterzukommen. Sie atmet immer noch sehr schnell und spürt das Adrenalin nach wie vor. Runterkommen, ermahnt sie sich. Immerhin muss sie schnellstmöglich einen klaren Kopf bekommen. Das Flugzeug hat noch an Geschwindigkeit zugenommen. Hinsetzen, denkt Nina. Auch der Kollege scheint das für eine gute Idee zu halten, denn er deutet auf die Sitze, sagt aber nichts. Er scheint begriffen zu haben, dass er zu den beiden Frauen momentan nicht durchdringen kann. Also zieht Nina Julie hoch und bugsiert sie irgendwie auf einen der Sitze. Nina setzt sich daneben und legt ihren Gurt an. Ihre Finger zittern und sie braucht drei Versuche, bis sie endlich angeschnallt ist. Mit einem kurzen Seitenblick stellt sie fest, dass Julie auch Probleme hat, den Gurt zu schließen. Die Hände der dunkelhaarigen Frau zittern stark, mehr als Ninas, und sie schafft es nicht, die Schnalle zu schließen. Vorsichtig nimmt Nina den Gurt aus Julies Händen und schließt ihn langsam. Diesmal gelingt es ihr sofort, ihre Hände sind viel ruhiger geworden. Dankbar lächelt Julie sie an und Nina denkt, dass es gar nicht so schlimm ist, in einem Flugzeug zu sein, dessen Destination ihr völlig unbekannt und auch völlig einerlei ist, weil dort ohnehin nichts auf sie wartet. Alles, was auf sie warten könnte, wird unter ihr immer kleiner, Berlin wird immer kleiner. In Berlin hat sie sich irgendwie immer einsam gefühlt, rastlos, trotz ihrer nicht definierten Beziehung mit Karow. An ihn hat Nina in den letzten Minuten nicht gedacht, er erscheint ihr so weit entfernt, nicht nur, weil sie sich momentan mit hoher Geschwindigkeit von ihm entfernt. Wenn Nina ehrlich mit sich selbst ist, dann hat sie schon einige Zeit vor dem Abflug damit begonnen, sich von ihm zu entfernen. Oder er von ihr. Vielleicht sind aber auch beide voreinander weggelaufen. Und vielleicht hat Julie auch Recht und sie lieben sich nicht. Gekämpft umeinander haben sie schließlich nicht. Das ist aber nicht seine Schuld, jedenfalls nicht allein. Nina verdrängt alle Gedanken an Karow und Berlin in die hinterste Ecke ihres Gehirns und konzentriert sich wieder auf das hier und jetzt. Das Flugzeug, Julie Bolschakow, der Kollege, der bestimmt schon gemeldet hat, dass er anstatt einer Frau plötzlich zwei an Board hat, die Geräusche des Flugzeuges und die Dunkelheit, die das Flugzeug umgibt.
Jetzt, ganz plötzlich, überkommt sie ein Gefühl der inneren Ruhe. Auch wenn sie eigentlich immer noch einsam ist, fühlt es sich seltsam vertraut an, mit Julie hier zu sitzen und von allem, was sie kennt, davon zu fliegen. Kurz geht Nina durch den Kopf, dass das eigentlich ziemlich absurd ist, bis vor wenigen Tagen haben sie sich noch nicht gekannt, tatsächlich kennen sie sich immer noch nicht. Es gibt wohl Dinge, die einen zusammenschweißen, die ein unsichtbares Band zwischen zwei Menschen entstehen lassen. Eine riskante Flucht vor der russischen Mafia zu überleben, gehört da offensichtlich dazu, denkt Nina.
„Bist du okay?“ hört sie Julies Stimme an ihrem Ohr. Sie nickt. Sie ist okay, zumindest für den Moment. Sie ist am Leben, sie ist nicht allein und alles andere sind Probleme, um die sich die Zukunfts-Nina kümmern muss.
