Chapter Text
BOB
Ich war ein riesiger Idiot. Wie um alles in der Welt hatte ich jemals gedacht, dass das eine schlaue Idee sein könnte? Klar, mein Chef war wirklich sehr penetrant und nervig gewesen und ich wollte wirklich nicht mit seinem genauso penetranten und nervigen Bruder ausgehen, aber ich hatte wirklich nicht über die Konsequenzen meines Handelns nachgedacht. Und die musste ich jetzt ausbaden. Vielleicht hätte ich einfach sagen sollen, mein nicht-imaginärer und definitiv total existierender Freund sei auf Geschäftsreise in den europäischen Alpen oder so. Oder ich hätte eine Fernbeziehung nach Kanada erfinden können. (Weil das ja auch was ist, was einem immer geglaubt wird, wenn man es erzählt.) Aber Peter hatte ich da wirklich nicht mit hereinziehen müssen.
Dementsprechend entgeistert reagierte Peter nun auch, als ich ihn mit meinem absolut beschissenen Plan konfrontierte. Ich konnte es ihm wirklich nicht übel nehmen.
“Du hast deinem Chef was genau gesagt?”
“Ich weiß”, antwortete ich zerknirscht. “Ich wusste mir nicht anders zu helfen.” Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und atmete tief durch die Finger ein.
“Und jetzt denkt der, wir sind ein Paar und du musst mich mit auf die Betriebsreise nehmen. Großartig. Ich hab ja nichts Besseres zu tun. Was soll ich denn da überhaupt?”
Ich stieß einen nicht näher identifizier-baren frustrierten Laut aus. “Keine Ahnung, ich weiß ja nicht mal, was ich da soll. Wir hocken dann da in dieser dummen Waldhütte und sollen das Programm von so einem Teambuilding-Coach über uns ergehen lassen.”
Peter schien der Gedanke gar nicht zu gefallen. Er verzog sichtlich entsetzt sein Gesicht.
“Aber, wir sind immerhin in einem Nationalpark”, fügte ich schnell hinzu. “Da gehen wir sicher wandern und machen irgendwelche sportlichen Aktivitäten. Und Justus ist auch da – schließlich arbeitet der da auch mit.”
“Warum nimmt der Typ euch überhaupt mit auf Geschäftsreise? Das Start-Up besteht nur aus drei Leuten, abgesehen von dir und Justus. Und ihr beide arbeitet da doch eh nur bis die Uni anfängt, oder?”
“Was weiß ich”, stöhne ich. “Der Kerl hat halt zu viel Geld und will, dass wir uns besser kennenlernen, damit wir uns wohlfühlen und dann kreativer sind.”
“Bob, das klingt komplett scheiße”, sagte Peter jetzt.
“Und der Chef hat auch schon gesagt, dass Justus und ich da vielleicht für Nebenjobs bleiben können, wenn wir studieren”, fügte ich hinzu. “Bitte, Peter, ich komme aus der Nummer nicht mehr raus.”
“Hast du einfach überlegt, welche alleinstehenden queeren Personen aus deinem Freundeskreis dir einfallen und einfach mal meinen Namen rausposaunt, oder was?”
“Ja, so ungefähr”, gab ich zu. “Keine Ahnung, man. Ich sag ja, es war dumm.”
Natürlich war das nur die halbe Wahrheit. Eine große Portion Wunschdenken war definitiv auch dabei gewesen. Peter war zwar bi, aber sein Beuteschema traf in der Vergangenheit meist Menschen, die aussahen wie sportliche Supermodels – zu denen ich definitiv nicht gehörte. Die Frustration darüber hatte ich zwar gut für mich behalten können, aber dann kam sie am Ende doch in echt blöden, idiotischen Aktionen raus – so wie hier jetzt.
Genau, Peter und ich sind ein Paar – wir sind so verliebt – tut mir leid, ich kann nicht mit Ihrem lackaffigen Bruder auf ein Date gehen, wie schade – wir kennen uns schon so lange, aber dann haben wir doch aus Versehen festgestellt, dass wir ineinander verliebt sind – jaja, so lange geht das noch nicht, aber wir sind bestimmt Zukunftsmaterial.
Schön wärs. Manchmal könnte ich mich echt ohrfeigen.
“Okay, Bob, wenn wir das echt machen”, sagte Peter jetzt, “dann müssen wir uns echt richtig gut absprechen. Wenn dein Chef merkt, dass das alles Bullshit ist, bist du geliefert.”
“Heißt das, du machst es?”
Peter verdrehte die Augen. “Ja, ich mach es. Sind ja nur 5 Tage, oder? Das sollten wir doch hinkriegen.”
Ich schaute das erste Mal wieder Peter ins Gesicht. “Im Ernst?”
“Ja, na klar. Ich kann dich ja nicht hängen lassen.”
Ich fiel Peter um den Hals und drückte ihn an mich. Das war ein bisschen komisch, weil wir eigentlich nebeneinander auf dem Sims seiner Terasse saßen. “Danke, Peter!”
“Aber du schuldest mir ordentlich was.”
Ich ließ Peter wieder los.
“Na klar”, stimmte ich ihm zu. “Sag einfach, was du als Entschädigung willst und du kriegst es.”
Peter grinste schelmisch. “Ach, da wird mir sicherlich was einfallen.”
Was hatte ich mir da nur eingebrockt?
“Also”, fuhr Peter fort, “was hast du ihm denn über uns erzählt?”
“Nicht so viel”, sagte Bob. “Einfach, dass wir uns halt aus der Schule kennen und schon ewig befreundet sind und jetzt eben festgestellt haben, dass wir doch ineinander verliebt sind.”
“Und Justus? War der auch dabei?”
“Ja, der Chef hat das ja gleich dem ganzen Büro erzählt. Aber Justus hat natürlich meine Lüge gerochen und ist voll drauf eingestiegen. So nach dem Motto, er hatte ja immer geahnt, dass da noch was kommt.”
“Justus hat deswegen gelogen? Er ist so ein Idiot. Ich seh ihn förmlich vor mir, wie er da steht und stolz Lügen verbreitet. Der findet auch immer die absurdesten Dinge lustig."
“Ich war auch ziemlich baff”, sagte ich.
“Naja, du hast halt tolle, unglaublich hilfsbereite Freunde. Sei dankbar, Bob”, sagte Peter grinsend.
PETER
Ich atmete erstmal tief durch, als Bob die Terasse verlassen hatte. Oh Gott. Fünf Tage Waldhütte. Mit Bob. Als mein Freund? Auf einer Bertriebsreise?? Natürlich, gerne, gar kein Problem, Peter war dabei. Nichts lieber als das.
Och man.
Ich seufzte und vergrub meinen Kopf im Fell meines Hundes.
"Hm, Shadow, was denkst du dazu?"
Er fing an, meine Hände abzulecken.
"Ja, vielleicht hast du damit Recht." Ich schloss meine Augen und fokussierte mich auf Shadows regelmäßige Atmung. Das Heben und Senken seines Bauchs.
Im Ganzen war es nicht so schlimm. Fünf Tage in einer Waldhütte, bei der es ganz viele tolle Outdoor-Aktivitäten gab, hatte einen gewissen Charme, wenn ich ehrlich war. Zusätzlich war Bob da, Justus war da und es waren nur fünf Tage. Aber irgendwie… irgendwie war es auch seltsam. Ich würde als Bobs Freund, seinem Chef und seinen Arbeitskollegen vorgestellt werden? Sehr… interessant? Das war definitiv nicht bei meinen Neujahrsvorhersagen dabei gewesen, nächstes Jahr musste ich anscheinend mal etwas kreativer werden. Vielleicht würde ich dann endlich dieses dumme Vorhersage-Bingo gewinnen, was Justus uns jedes Jahr immer zwang zu spielen.
Ich pustete Shadow in sein Fell. Beleidigt hörte er auf meine Hände abzulecken, was für mich jetzt tatsächlich nicht der große Verlust war, wie er es vermutlich annahm. Mein Blick wanderte zur Terrassentür, als würde ich die unsichtbaren Spuren von Bob verfolgen. Da hatte er uns auf jeden Fall in eine interessante Situation eingebrockt. Interessant traf es vielleicht wirklich ganz gut. Spannend, aber irgendwie auch, wenn ich bedachte, was Bob mir über Justus Lügen erzählt hatte. Ein lügender Justus. Ärgerlicherweise stand das auch nicht auf meinen Jahresvorhersagen. Mist. Ich musste mal mehr out of the box denken. Mensch Peter. So würde ich niemals den Wanderpokal für unser jährliches Bingo gewinnen, ach wie traurig.
Aber alleine für den lügenden Justus hatte es sich schon gelohnt zuzustimmen. Auch wenn mir nicht ganz klar war, wie Bob und ich diese Lügen glaubhaft umsetzen wollten, aber das würden wir schon schaffen, weil ansonsten wäre das peinlich. Für uns beide. Aber vor allem für Bob. Ich würde ja vielleicht noch als der hilfsbereite Freund davonkommen, aber Bob? Haha. Was ein Opfer.
Nicht dass ich Bobs Planungs-Fertigkeiten anzweifeln möchte, aber ich sah viele Lücken in seinem Plan. Sagen wir, Bob und ich schafften es, alle in dieser Woche zu überzeugen, wir seien zusammen, wie ging es denn dann bitte weiter?
'Ohoo, nein nein. Mysteriöserweise haben wir uns direkt wieder getrennt. Wie komisch aber auch. Aber wir sind noch gute Freunde, jaja'
Spinnen wir dieses Gedankenspiel doch einfach mal zu Ende und gehen davon aus, dass man uns DAS auch noch abkaufen würde. Allein das war schon unrealistisch, vor allem mit meinen grandiosen Fähigkeiten zu lügen, aber ich gehe jetzt gerade von einer perfekten Situation aus. Und zusätzlich hatten wir schließlich den lügenden Justus auf unserer Seite. Der Endgegner. Also, was würde dann passieren? Bob war ja nun wieder Single.
Ich wage es jetzt einfach mal, die Hypothese in den Raum zu werfen, dass Bobs nerviger, penetranter Chef ihm seinen nervigen, penetranten Bruder aufdrängen würde. Hm, irgendwie bekomme ich da gerade ein Deja-Vu.
Die offensichtliche Lösung wäre es wohl, für immer Bobs Freund zu sein – beziehungsweise solange bis Bobs Boss starb oder halt der Bruder. Rest in Peace, an der Stelle. Sowas ließ sich natürlich auch problemlos organisieren.
Ich runzelte die Stirn. Äh, wie bitte? Stopp, stopp, stopp. Das war eine ganz falsche Richtung, in die ich da abrutschte, ohgottohgott. Offensichtlich war das keine Alternative und auch definitiv keine Alternative, die ich jemals in Betracht ziehen würde. Genau.
Die naheliegendere Möglichkeit, die mir natürlich direkt als erstes eingefallen war, wäre natürlich Bobs Kündigung, oder dem Bruder einen anderen Partner zu finden. Mit Bobs Chef als Wingman zweifelte ich die Erfolgsquote allerdings an. Nicht gemein gemeint, offensichtlich. Er hatte bestimmt andere Qualitäten.
Mein 16-jähriges Ich hätte nichts dagegen gehabt, Bob für immer als meinen Freund zu haben, aber ich war nicht mehr 16. Und Bob würde auch nicht mein Freund sein. Es war alles nur gespielt. Ich bezweifelte, dass das den 16 jährigen kleinen Peter zufrieden gestellt hätte.
Ich musste Bob mal fragen, wie lange genau sie bei diesem Start-Up arbeiteten würden. Ich meine, Justus hätte irgendwas von zwei Monaten gesagt? Justus redete viel und gerne und ich hörte gerne nicht zu, aber es ergab ja einen gewissen Sinn. In zwei Monaten fing Uni an.
Ich sollte mir weniger Gedanken machen. Bob machte sich auch keine, also wieso sollte ich? Es war unrelevant – eine kleine Notlüge von Bob, über die er nicht nachgedacht hatte. Und so würde ich das jetzt auch tun und einfach eine Woche genießen mit viel langweiligem Team-Building. War doch auch mal ganz nett. Ich hatte eh nichts besseres vor, vor allem nicht, wenn sowohl Justus als auch Bob nicht da wären. Nicht dass das meine einzigen Freunde wären, ich hatte auch andere, bevor man mir das jetzt vorwerfen möchte. Zum Beispiel Jeffrey und… äh… Shadow? Was auch immer. Geht keinen was an. Ich wollte eben lieber Zeit mit meinen Lieblings Freunden verbringen als mit meinen unzähligen anderen Freunden. Genau so war das, jaja.
Ich musste nur irgendwie überlegen, was ich mit Shadow machen sollte. Ich konnte ihn schließlich nicht zurücklassen. Mein armer Schatzibär.
"Shadow, wir beide sind für immer zusammen, okay? Wir sind die besten Freunde, oder? Du bist mein bester Freund, du süßer, kleiner Süßi Pupsi. Ich hab dich so lieb, mein Schatzipatzi"
Ich wuschelte ihm durch sein Fell. Es war gut, dass Bob die Terrasse verlassen hatte. Musste ja nicht jeder wissen, dass ich wie ein Verrückter mit Shadow sprach. Aber ich hatte das Gefühl, er verstand mich besser, wenn ich ein paar Frequenzen höher redete. Ich musste schließlich auf seine Bedürfnisse eingehen, richtig? Alles nur selbstlose Taten von mir, ich bin so toll.
