Chapter Text
Als Bob aufwachte, war er nicht in seinem eigenen Zimmer. Er streckte sich und gähnte. Es war noch halb dunkel, wo er war – die zugezogenen Vorhänge schirmten die Morgensonne gut ab und nur ein paar Lichtstrahlen warfen dünne, längliche Formen durch das Zimmer. Bob rieb sich die Augen. Vor seiner Nase lagen lange schwarze Haare. Ach ja. Lexi. Langsam kamen die Erinnerungen an sein gestriges Date wieder zurück. Behutsam strich er die Haare ein bisschen zur Seite, sodass er sich aufrichten konnte, ohne sich aus Versehen darauf abzustützen.
So leise er konnte stand er auf und suchte sich seine Sachen zusammen. Wahnsinnig vorsichtig zog er sich die Hose hoch, sodass der Gürtel bloß kein klimperndes Geräusch machte – das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, dass Lexi aufwachte. Nicht besonders Gentleman-like, sich jetzt einfach wegzuschleichen, das wusste er, aber darum konnte er sich später kümmern.
Es war zwar nett gewesen mit ihr, aber gefunkt hatte es nicht wirklich. Nicht weiter überraschend für Bob. Er kannte das schon. Das passierte ihm nicht zum ersten Mal. Manchmal fragte er sich, ob es jemals mit irgendeinem Mädchen funken würde, aber der hoffnungslose Romantiker in ihm hatte noch nicht aufgegeben. Irgendwann würde es schon noch klappen.
Er wusste nicht mal, was ihn an Lexi wirklich störte. Sie war total nett und hübsch – Bob hatte wirklich nicht das geringste an ihr auszusetzen. Sie war witzig und herzensgut und überhaupt war es echt angenehm, sich mit ihr zu unterhalten. Darüber hinaus konnte sie auch noch gut küssen, der Sex war in Ordnung. Naja. Es war halt alles irgendwie okay. Aber gleichzeitig haute es Bob alles irgendwie nicht um. Er hätte gar nicht sagen können, was Lexi hätte anders machen können, damit es ihn umgehauen hätte. Egal. Das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war, dass Bob hier rauskam, und zwar ohne, dass Lexi es mitbekam.
Es fehlte jetzt nur noch das Shirt. Er hob es vom Boden auf und zog es sich über. Ein letztes Mal blickte er auf das bildhübsche, schlafende Mädchen herunter, dann schlich er durch die Tür und zog sie so leise es ging hinter sich zu.
Er war in einem Wohnheim, irgendwo auf dem UCLA-Campus. Er konnte sich noch ganz gut daran erinnern, in welche Richtung er gestern Abend mit Lexi gegangen war. Dumm nur, dass er sein Auto nicht hier hatte. Er würde sich ein Uber rufen müssen. Unten an der Eingangstür angekommen zückte er sein Handy und entsperrte es. Er schwebte schon mit seinem Daumen über dem Uber-Symbol, als das Handy unvermittelt klingelte. Bob zuckte so sehr zusammen, dass er das Handy fast fallen ließ. Peters Gesicht strahlte ihn von seinem Bildschirm an. Er hob ab.
„Ja, was gibt’s?“ Seine eigene Stimme klang rau, belegt und fremd. Er fühlte sich irgendwie eklig. So ganz ungeduscht mit ungeputzten Zähnen.
„Bob, ist alles okay bei dir?“
Peters Stimme löste sofort ein vertrautes Gefühl in Bob aus. Er lächelte. „Ähm… ja, warum?“
„Wir suchen dich“, sagte Peter vorwurfsvoll. „Wir wollten doch jetzt zu Mrs Fisher.“
Bob stockte. „Oh.“ Ach ja, der neue Fall. Mist.
„Und du bist nicht zu Hause, die ganze Nacht schon nicht. Wo bist du denn?“
„Äh… Irgendwo auf dem Campus“, sagte Bob und suchte mit den Augen nach irgendwelchen Hinweisen, die ihm sagen könnten, wo genau er sich eigentlich befand.
„Okay, kommst du dann allein ins Valley oder sollen wir dich irgendwo abholen?“
„Ich hab mein Auto in Rocky Beach. Wäre es okay, wenn ihr mich holt? Liegt auch fast auf dem Weg, oder?“ Er grinste und konnte förmlich vor sich sehen, wie Peter die Augen verdrehte.
„Ja, schick mir einfach nen Standort.“
„Mache ich, danke. Und, äh, Peter?“
„Hm?“
„Kannst du mir meine Zahnbürste und Zahnpasta mitbringen? Und Deo?“
„Mache ich“, murmelte Peter zähneknirschend. „Bis gleich.“
„Bis gleich“, rief Bob fröhlich zurück.
Es dauerte nicht lange, bis Peters MG auf dem Parkplatz auftauchte, den Bob ihm geschickt hatte. Bob kletterte grinsend auf den Rücksitz. Sie hatten lange keinen Fall mehr gehabt. Es war schön, mal wieder ein bisschen Detektivarbeit machen zu können, nachdem jetzt die Klausurenphase rum war. Und es war auch einfach schön, die beiden zu sehen – das war ja vielleicht auch ein Zeichen, dass es mit Lexi nicht passte. Die Anwesenheit von seinen beiden Kollegen fühlte sich für Bob gleich viel angenehmer an, als das Date gestern – so nett Lexi auch war.
Justus warf ihm jetzt vom Beifahrersitz einen Jutebeutel in den Schoß. „Hier, Dritter, wir haben dir sogar ein frisches T-Shirt mitgebracht. Aber deine Unterwäscheschublade wollte keiner von uns anfassen, so weit geht unsere Freundschaft dann doch nicht.“
„Ihr seid die Besten!“ Bob strahlte.
„Wissen wir“, sagte Peter und sah ihn genervt über den Rückspiegel an, während er das Auto vom Uniparkplatz manövrierte.
Bob zog sich sein Shirt über den Kopf und ließ es neben sich auf den Sitz fallen. Dann streifte er sich schnell das frische aus dem Jutebeutel über. Er fühlte sich sofort viel besser. Dann sprühte er sich schnell ein wenig Deo unter die Arme.
„Wirst du uns jetzt verraten, wo du warst, Kollege?“, scherzte Justus. „Lass mich raten: Es war nicht die Eine.“
„Ha-ha, sehr witzig, Erster.“
Justus zuckte mit den Schultern.
„Sie heißt Lexi. Und ja, ich denke tatsächlich nicht, dass sie die Eine ist, aber das ist ja auch nicht schlimm. Es kann schließlich nicht jeder mit gerade mal 18 eine weibliche Version von sich selbst treffen und dann mit ihr Nerddates bis zum Umfallen haben. Manche Leute müssen halt auf ein paar mehr Dates gehen, bis es klick macht.“
„Ich finde nicht, dass Franca eine weibliche Version von mir ist“, verteidigte Justus seine Freundin, „aber ich verstehe, was du sagen möchtest. Es zeugt von Durchhaltevermögen, es immer wieder zu versuchen.“
Bob lachte. „Just, das war ja fast ein Kompliment!“
„Freu dich nicht zu früh, Kollege. Nur weil du Durchhaltevermögen hast, heißt das nicht, dass du in die richtige Richtung rennst.“
Bob zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll das denn heißen?“
„Kommst du schon noch drauf, das ist jetzt nicht wichtig“, sagte Justus und sah aus dem Fenster.
Bob überlegte kurz, ob er versuchen sollte, zu erraten, worauf ihr Erster hinauswollte, aber eigentlich würde das eh nichts bringen. Justus war grundsätzlich schwierig zu verstehen und wenn es etwas gab, das er einem vorenthielt, musste man für gewöhnlich einfach geduldig warten, bis er irgendwann die Güte besaß, einen einzuweihen. Und überhaupt war es sowieso fraglich, ob man von Justus Jonas Liebesberatung einfordern wollte. Klar – er war gerade der Einzige von ihnen, der vergeben war, aber das hieß ja nichts. Die Beziehung, die er mit Franca führte, war den meisten Leuten ein Rätsel. Es war manchmal, als wären die beiden von einem entfernten intellektuellen Planeten, mit ihrer eigenen Aliensprache. Nichts gegen Franca – sie war wahnsinnig nett und Bob hatte nichts an ihr auszusetzen – aber die Beziehung der beiden durchstiegen Peter und Bob nicht.
„Bob!“, holte Justus ihn wieder aus seinen Gedanken.
Bob schüttelte sich. „Hm?“ Er sah Justus an.
Der erste Detektiv drehte sich halb in seinem Sitz nach hinten und musterte ihn.
„Ich habe dich gefragt, was du mit deiner Zahnbürste willst. Wir haben sie dir mitgebracht, wie du angefordert hast, aber du willst doch wohl nicht hier in Peters MG deine Zähne putzen, oder?“
„Da wäre ich tatsächlich dagegen“, bestätigte Peter. „Ich habe hier am Wochenende erst saubergemacht.“
Hm, darüber hatte Bob irgendwie noch nicht nachgedacht. Unpraktisch. „Ehm…“
„Zumal wir gleich da sind“, fügte Peter hinzu.
Bob überlegte. „Vielleicht können wir kurz irgendwo anhalten?“
Er sah im Spiegel, wie Peter die Augen verdrehte. Der zweite Detektiv seufzte. „Naja, wir sind früh dran. Vielleicht gibt es hier noch etwas? Nen McDonalds oder so?“
Justus zeigte nach vorne durch die Windschutzscheibe. „Da vorne ist ein Café. Die haben bestimmt eine Toilette.“
„Nehm ich“, sagte Bob.
Peter setzte den Blinker, lenkte das Auto souverän von der Straße und machte schließlich vor dem Café Halt. Es hieß Moonbeans und es sah schon recht gut besucht aus. Es war ja mittlerweile fast neun Uhr. Bob nahm seine Zahnpasta und Zahnbürste und steckte sie in die hintere Hosentasche, sodass er seine Jacke unauffällig darüber fallen lassen konnte. Dann stiefelte er mit seinem unschuldigsten Lächeln in den Laden.
Das Café war modern in Blautönen eingerichtet und es lief fröhliche Musik. Der Kaffeegeruch erinnerte ihn daran, dass er dringend Koffein gebrauchen könnte. Egal, das war jetzt nicht seine Mission.
Hinter der Theke stand ein schüchtern wirkendes Mädchen mit aschblondem Haar, die ein paar Servietten sortierte. Ihre langen, etwas strubbeligen Haare fielen nach vorne, sodass ihr halbes Gesicht dahinter versteckt war.
„Hey, wäre es okay, wenn ich kurz eure Toilette benutze?“
Das Mädchen zuckte zusammen, musterte ihn kurz, nickte dann kaum merklich und zeigte in eine Ecke des Raumes, in der ein „all gender restroom“-Schild hing. Bob lächelte ihr dankbar zu und steuerte auf die Tür zu. Er schloss sich ein und betrachtete sich in dem stickerbeklebten Spiegel. Oh man, er sah echt ziemlich fertig aus. Kurzentschlossen drückte er auf den Seifenspender und wusch sich schnell das Gesicht. Es war Olivenölseife, die fühlte sich eigenartig auf der Haut an. Dann sah er sich im Raum um. Nur Papierhandtücher. Doof. Egal. Er wischte sich kurz mit dem T-Shirt das Gesicht ab.
Während er seine Zähne putzte, dachte er wieder an Justus’ Worte. Warum fand Justus, dass er in die falsche Richtung rannte? Peter hatte doch auch ständig Dates, die nirgendwo hinführten. Was war denn daran falsch? Und was sollte das denn bitte heißen? In welche Richtung sollte er denn stattdessen laufen? Sollte er einfach dumm rumsitzen und warten, bis ihm die Frau fürs Leben durch eine himmlische Wegweisung im Traum offenbart wurde? Wie er es auch drehte und wendete – es ergab keinen Sinn. Naja. Vielleicht musste man das auch nicht verstehen. Vor allem, wenn es von Justus kam. Den verstand man oft nicht. Vielleicht musste man das jetzt einfach so stehen lassen und warten, ob er sich irgendwann erklären wollte.
Bob spuckte den Zahnpastaschaum ins Becken und spülte alles herunter. Dann verstaute er sein Zahnputzzeugs wieder in der Hosentasche und betrachtete sich noch ein letztes Mal im Spiegel. Er sah jetzt definitiv salonfähiger aus. Und er war froh, dass er noch ein richtiges Badezimmer gefunden hatte. Sich am Straßenrand die Zähne zu putzen wäre definitiv nerviger gewesen. Hier war es wenigstens sauber und es gab fließendes Wasser.
Das Bad hier wirkte tatsächlich beinahe makellos. Vielleicht musste es das sein – mitten im Valley, bei den ganzen reichen Leuten. Die wenigen Sticker auf dem Spiegel wirkten da fast ein bisschen fremd. Auf einem stand #freetheboobies, auf einem anderen war ein Hirschgeweih, auf wieder einem anderen war Disneys Robin Hood zu sehen, daneben ein Werbesticker einer Megachurch. Willkommen in den USA.
Bob bahnte sich seinen Weg zurück zum Ausgang, warf der Barista noch einmal einen dankbaren Blick zu und setzte sich ins Auto.
„Na, bereit, das Herz unserer Klientin mit deinem strahlenden Lächeln zu erobern?“, scherzte Peter und startete den Wagen.
„Hat die nicht ‘ne Familie?“
Justus zuckte mit den Schultern. „Es gibt Menschen, die offene Beziehungen führen.“
„Ja, aber dann hast du keinen Familien-Vlog-Channel auf Youtube mit deiner unfassbar weißen, vermutlich Trump-wählenden Familie.“
„In der Tat würde dieser Umstand nicht in das Bild passen, das wir bisher von unserer Klientin gewinnen konnten. Dennoch sollten wir zunächst keine voreiligen Schlüsse ziehen – auch wenn ich zugebe, dass ihr Beziehungsstatus vermutlich nicht von großer Wichtigkeit für unsere Ermittlungen sein wird“, schlaumeierte Justus.
„Sie hat uns übrigens heute Morgen nochmal angerufen“, warf Peter ein. „Sie wollte fragen, ob sie uns für ihren Channel filmen darf. Hat uns sogar ein Prozent der Werbeeinnahmen angeboten.“
„Ernsthaft?“, entfuhr es Bob.
„Wir haben selbstverständlich abgelehnt“, erklärte Justus. „Sie wirkte deutlich enttäuscht, wollte aber dennoch unsere Dienste in Anspruch nehmen.“
Bob lachte. „Na, ein Glück.“ Eine Youtube-Berühmtheit wollte er nun wirklich nicht werden.
