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Sam scrollte durch eine Lieferwebsite, als die Glocke über seiner Ladentür läutete. In dem Moment, wo er aufblickte, klatschte ein kleiner Mann mit goldbraunen Haaren 20 Dollar auf den Tresen. „Wie sage ich passiv-aggressiv Fuck you mit Blumen?“
Sam blinzelte. In den sechs Monaten seit er „Stanford Stems“ gekauft hatte, war noch niemand mit einer Anfrage wie dieser in den Laden gekommen. Die Leute wollten sagen „Ich liebe dich“ oder „Es tut mir leid“ oder „Herzlichen Glückwunsch“. Ein High School Mädchen fragte einmal nach Blumen, die ausdrücken sollten: „Ich liebe dich, wenn du lesbisch bist, aber wenn du hetero bist, sind das nur freundschaftliche Blumen.“ (Sam hatte ihr rosa Kamelien verkauft, welche genau genommen Sehnsucht meinten, aber auch einfach hübsche rosa Blüten hatten.)
Noch nie hatte ihn jemand nach Hassblumen gefragt.
Der Mann sah – nun, er sah furchtbar aus. Seine Whiskey-braunen Augen waren rot gerändert und auf einer Wange waren Abdrücke von Kissenfalten. Sam hatte genug Tage nach einer schlimmen Trennung weinend im Bett verbracht, um die Zeichen zu erkennen. Er überlegte, dann nahm er den Zwanziger. „Wenn das Ihr Budget ist, würde ich gelbe Nelken empfehlen.“
Seine Kunde stieß ein überraschtes Lachen aus. „Nelken? Ernsthaft?“
„Nun, es gibt bessere Optionen“, gab Sam zu und nahm eine der Vasen, in denen er immer die Blumen zusammensuchte, „aber Nelken bedeuten, dass dich jemand enttäuscht hat.“
„Richtig erkannt“, murmelte der Mann, „haben Sie irgendwas, das bedeutet Du bist ein grausamer Bastard und ihr verdient einander?“ Er rieb sich den Nacken und wirkte plötzlich erschöpft. „Oh Mann. Es tut mir leid, ich sollte nicht…“
„Ringelblumen stehen für Grausamkeit“, unterbrach Sam ihn. Er nahm die Vase in einen Gang mit, um dort in den Eimern die Ansammlung loser Blumen zu durchsuchen. „Außerdem sind sie ziemlich auffällig. Ich schätze, Sie wollen, dass sie gesehen werden, Mr…?“
Der Mann folgte ihm. „Novak. Gabriel Novak.“
Er erwartete offensichtlich, dass der Name Sam etwas sagte. Sam fragte sich, ob Dean recht hatte und er mehr unsinnige Klatsch-Blogs lesen sollte. Das würde vielleicht helfen, falls noch mehr Promis reinschneien sollten. „Äh, tut mir leid, ich komme nicht viel raus. Der Laden hält mich auf Trab. Ich bin Sam Winchester.“
„Nett Sie kennenzulernen, Sam. Danke, dass Sie mich nicht ausgelacht haben“, Gabriel streckte die Hand nach einer Gladiole aus. „Ich muss heute Abend zu einer Verlobungsfeier. Von meinem Ex-Freund, der letzten Monat mit mir Schluss gemacht hat, um einen adeligen britischen Schauspieler zu heiraten.“
Sam verzog das Gesicht und fügte der Vase ein paar Stängel hinzu. „Können Sie da nicht irgendwie drum herumkommen? “
„Balthazar und ich waren über ein Jahr lang zusammen, wir hatten sogar einen süßen Pärchennamen.“ Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. „Wenn ich schwänze, werden mich die Paparazzi bei lebendigem Leibe fressen. Ich will ihm die Befriedigung nicht gönnen.“
„Klingt so, als hätte ich Sie wirklich erkennen sollen.“ Sam ging ein wenig in die Hocke auf der Suche nach Lilien. „Werden Kameras vor meinem Laden auftauchen?“
„Ich weiß nicht. Möglicherweise“, Gabriel klang mehr erschöpft als verlegen. „Ich habe eine Fernsehshow. Nichts Ernsthaftes, nur Streiche und magische Tricks. Sie heißt Tricksters Tuesday.“
Das ließ Sam überrascht auflachen. „Mein Bruder liebt diese Show. Er versucht immer mich dazu zu bringen, sie mit ihm zu gucken.“
Der andere Mann lächelte schwach. „Ihr Bruder hat eindeutig einen guten Geschmack.“
„Seien Sie nicht zu geschmeichelt, er ist ein zu groß geratener Zwölfjähriger. Letzte Woche hat er meine Schlüssel an den Esszimmertisch geklebt.“
Gabriel lachte wieder und ein Teil seiner Traurigkeit verblasste. „Jetzt mag ich ihn definitiv. Sind das alles Ringelblumen?“
Sam sammelte eine letzte Blume ein und ging dann wieder nach vorne. „Einige sind es, andere nicht“, sagte er über seine Schulter hinweg, „ich versuche etwas Neues.“
Interesse leuchtete in den braunen Augen auf. Gabriel kam dazu, lehnte sich an den Tresen und beobachtete, wie Sam die Auswahl in einer lila Vase arrangierte. „Erzählen Sie schon.“
„Also, wir haben die Nelken und Ringelblumen. Orange Lilien für Hass, Chrysanthemen für einen Liebhaber, dem Unrecht getan wurde. Der Eisenhut bricht das ganze Gelb auf, außerdem meint er Nimm dich in Acht.” Er betrachtete das Arrangement kritisch, änderte dann ein paar Mal die Anordnung und fügte die letzte Blume direkt in die Mitte hinzu. „Eine Hortensie für Herzlosigkeit. Klingt das ungefähr richtig?“
„Es klingt perfekt“, Gabriel wippte sogar ein wenig auf den Zehen auf und ab. „Lila und Gelb. Das wird Aufmerksamkeit erregen. Wenn er dabei erwischt wird, wie er es wegwirft, wird die Presse sagen, dass er noch nicht über mich hinweg ist. Er wird es in seinem Haus behalten müssen wie einen gigantischen Mittelfinger bis es vertrocknet ist. Sie sind ein Genie, Sam Winchester.“
Sam band eine große, grell goldene Schleife um die Vase. „Schön, dass ich Ihnen eine Freude bereiten konnte. Möchten Sie eine Karte dazu haben?“
„Klar doch. Kann ich mir einen Kugelschreiber leihen?“
Während Sam seine Kreditkarte durchlaufen ließ, schrieb der Mann, wobei die Spitze seiner Zunge in Konzentration herausragte. Sam versuchte nicht zu starren; das kleine bisschen Rosa löste ein seltsames Kribbeln in seinem Bauch aus. Stattdessen räusperte er sich. „Wir haben hier eine Tradition. Sie haben das Bouquet inspiriert, also wird es nach Ihnen benannt. Dieses Arrangement ist jetzt offiziell Gabriels blumiges Fuck you.“
Gabriel grinste über den Tresen zu ihm hinüber. „Willst du wirklich ein Schimpfwort auf deine schicke Blumenkarte setzen?“
„Ganz ehrlich, ich schreibe wahrscheinlich Du kannst mich mal!, aber ich denke die Leute werden es verstehen.“ Ihm fiel nichts anderes ein, um das Gespräch noch weiter in die Länge zu ziehen, also trat er einfach zurück. “Hoffentlich wird deine nächste Nacht weniger mies, Gabriel.“
“Jetzt bestimmt. Bis dann, Sammitch.“ Der Mann nahm seine Vase und schlenderte pfeifend hinaus. Sam sah ihm hinterher, bis er weg war, dann wandte er sich wieder seinem Computer zu.
Ob er nun die restliche Nacht Tricksters Tuesday Clips auf YouTube anschaute, war seine Angelegenheit.
***
Zwei Tage später kam Gabriel wieder durch die Tür geweht. Diesmal mit einem Federn im Gang und einem Blumentopf in der Hand. „Hast du mich vermisst, Sam?“
Sam, der ihn lächerlich stark vermisst hatte, verschränkte die Arme. „Wir haben uns einmal getroffen, Gabriel.“
„Klingt für mich wie ein Ja. Ich habe ein Geschenk für dich“. Mit einer schwungvollen Bewegung stellte er den Topf auf den Tresen. „Gloxinien. Aus dem Garten meiner Mutter, um ehrlich zu sein.“
Gloxinie. Liebe auf den ersten Blick. Sam fühlte Freude in sich aufsteigen, trotzdem hob er nur eine Augenbraue. „Weiß sie, dass du sie ausgegraben hast?“
Gabriel machte eine schwankende Geste mit seiner Hand. „Sie wird es sich denken können. Das wird bestimmt eine gute Geschichte für unseren fünfzigsten Jahrestag.“ Er lächelte, so voller Hoffnung und Freude, dass Sam nicht anderes konnte, als ihn zu küssen, direkt dort über dem Tresen.
Es wurde sogar eine großartige Geschichte für ihren fünfzigsten Jahrestag (auch wenn Gabriels Version weniger Hosen enthielt).
