Chapter Text
ADAM
Adam krallt die Hand in seinen springenden Oberschenkel, um sich davon abzuhalten, gegen eine Tür zu treten.
Eine feuerrote Tür, die er seit Stunden durch seine Windschutzscheibe anstarrt.
Also, jetzt ist die Tür rot. An der Ecke unten links ist die Farbe abgesprungen und lässt den Blick frei auf ein blaues Dreieck. Vielleicht ist es auch ein Trapez. Das kann er von hier aus nicht so genau sehen.
Sicherlich sind die Scharniere nicht richtig eingestellt und die Tür stößt bei jedem Öffnen an die Mauer, in die sie eingelassen ist.
Sie stößt aber offensichtlich nicht genug an, als dass sich jemand darum bemüht hätte, das zu korrigieren.
Es sind ja auch nur Vermutungen. Aber dagegen treten kann an dieser Stelle eigentlich niemand. Darum liegt es wahrscheinlich daran, dass die Tür an dieser inneren Ecke jedes Mal etwas eingeklemmt wird und darum die Farbe dort abgeplatzt ist.
Er würde seine Theorie gerne bestätigen, aber die scheiß Tür hat sich seit Stunden keinen Millimeter bewegt.
„Maaan“, stöhnt er zum wiederholten Mal und faltet seine Hände auseinander, nur um sie direkt wieder unter seine Achseln zu schieben und die Arme fest vor sich zu kreuzen.
„Urlaub mit 13 Buchstaben? Der 4. ist ein ‚S‘?“ Leo zieht sein Knie näher an den Beifahrersitz, stützt seine Hand, die das Handy hält, daran ab, sinkt noch etwas weiter gegen die Tür zusammen.
Er ist viel zu groß, als dass er sich so auf den Sitz lümmeln können sollte.
Wäre er nicht im Dienst, zöge er vielleicht sogar das Bein auf den Sitz, aber ganz so weit geht er dann doch nicht.
„Pauschalreise.“ Der beste Weg ein Land nicht kennenzulernen.
Leo murmelt zustimmend und tippt auf seinem Bildschirm herum.
Warum sie diesen Einsatz überhaupt zu zweit erledigen, ist Adam ein Rätsel.
Er könnte auch alleine auf diese Tür starren, aus der irgendwann ihr Verdächtiger schlüpfen könnte. Oder halt auch nicht. Wahrscheinlich nicht.
Jedenfalls könnte sich dann einer von ihnen mit etwas Sinnvollem die Zeit vertreiben und nicht hier im Auto kochen lassen. Seine Haut ist klebrig warm, obwohl sie extra im Schatten geparkt haben. Die Fenster sind unten, aber kein Blatt regt sich, kein Windhauch bringt Erleichterung.
Andererseits ist Leos Anwesenheit das Einzige, das ihn davor bewahrt, auszusteigen und einfach mal an die beschissene Tür zu klopfen.
Ja, damit wäre vielleicht der ganze Einsatz nichtig, die Schurken auf den Plan gerufen und ihr einziger Ansatz dahin.
Aber dann könnten Sie sich vielleicht anschließend noch auf eine Wiese legen, hoffen, dass ein Lüftchen ihnen etwas Abkühlung verschafft, und Leo würde vielleicht sogar endlich mal das Handy weglegen.
Sonst klebt der doch auch nicht so am Bildschirm. Er könnte sich wenigstens mit Adam beschäftigen, wenn sie schon stundenlang hier nebeneinander im Auto hocken.
Ausgerechnet Kreuzworträtsel.
Adam ist doch wohl interessanter als ein beschissenes Kreuzworträtsel, oder nicht?
Er nähert sich rapide dem Punkt, an dem er etwas Dummes tun wird, weil sein Gehirn in dieser völligen Unterstimulation langsam zu Gelee wird.
Bisher wirkt das ganze Haus wie ausgestorben. Vielleicht gönnen sich ihre Kriminellen ja gerade alle einen Urlaub.
Er glaubt jedenfalls nicht daran, dass hier heute noch irgendetwas passiert.
Die Tüte Weingummi nähert sich schon besorgniserregend niedrigen Füllständen, als er wieder in sie greift. Es wird Zeit für Action. Oder die Ablöse.
***
„Ich kann doch nicht alleine dahin. Das ist für zwei Personen ausgeschrieben.“
Leos Stimme schwebt durch die offene Tür aus ihrem Büro in den Besprechungsraum, in dem Adam gerade nach einer frischen Kanne Kaffee sucht.
Sein Handrücken am gläsernen Körper der Kanne, die dort auf dem Tisch steht, stellt fest: Kalt.
War ja klar.
Im ganzen Büro ist absolut nichts kalt. Nur der Kaffee.
Der Abstecher aufs Dach hat auch kaum Abkühlung gebracht. Die schwüle Luft steht in der Stadt und die Sonne hat auf seinem Kopf stärker gebrannt als der Rauch in seinen Lungen.
Seufzend nimmt er die Kanne mit und streckt den Kopf ins schummrige Büro.
Die Verdunkelung hat die Hitze auch nicht draußen gehalten, sie hält bloß die Sonnenstrahlen ab und gibt ihrem Arbeitsplatz ein wenig Film Noir Flair. Natürlich ohne die blauen Dunstschwaden, die in der Luft hängen müssten.
„Noch jemand Kaffee?“
Pia reckt sofort ihre Tasse hoch.
„Ne, muss ich erst aufsetzen“, enttäuscht Adam sie jedoch noch in der Bewegung. Immerhin lohnt es sich dann neuen Kaffee aufzusetzen.
Sie sollten alle mehr Wasser trinken.
Pia und er sollten dringend mehr Wasser trinken, korrigiert er sich sofort, denn auf Leos und Esthers Schreibtischen stehen natürlich vorbildlich zwei Flaschen Sprudel, großzügig vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt.
„Wieso denn überhaupt alleine? Du wirst ja wohl jemanden finden, der Bock auf Urlaub umsonst hat?!“ wendet Pia sich wieder an Leo und stellt ihre Tasse zurück auf eine der Akten, die ihren Tisch bedecken.
Adam dreht ab und widmet sich seiner Aufgabe. Neues Pulver müsste auch mal wieder jemand besorgen. Ist er schon wieder dran? Das kann er ja heute Nachmittag gleich noch erledigen. Ist eigentlich auch egal, ob er an der Reihe ist. Das ist hier schließlich fürs Team und er zeigt einfach überdurchschnittlichen Teamgeist in letzter Zeit.
Dafür kann Pia dann auch gleich aufstehen, um die Kaffeeverteilung zu übernehmen. Da muss er hier jetzt nicht bei der Maschine warten. Arbeitsteilung und so.
„In welchem Zeitraum soll das denn eigentlich stattfinden?“ erkundigt sich Esther, als er sich wieder auf seinen Stuhl fallen lässt.
Es ist Hochsommer und die Saarländer sind untypisch friedlich, denn im Büro herrscht seit geraumer Zeit Flaute.
Nicht einmal für die anderen Abteilungen Aufgaben übernehmen ist drin, denn die haben auch nichts zu tun.
Also gibt es jetzt Altfälle und Aktenbereinigung zur Beschäftigung. Bei den Temperaturen hält sich die Motivation aber bei allen in sehr engen Grenzen.
„Das sind vierzehn Tage und muss innerhalb eines Monats angetreten werden“, erklärt Leo den Inhalt der Mail, die er gerade mit dem Team bespricht.
„So spontan kann sich doch niemand Urlaub nehmen. Vor allem jetzt - da haben doch alle ihren Sommerurlaub schon längst geplant.“ Seine Stirn liegt in Falten und er starrt düster seinen Bildschirm nieder.
„Vielleicht hoffen die, dass man sich den Gewinn auszahlen lässt, und kommen dabei günstiger weg?“ mutmaßt Pia und schiebt ihre leere Tasse von der Akte, um sie aufschlagen zu können und stattdessen eine andere vom Stapel vor sich darunter zu begraben.
„Der Anspruch auf den Gewinn kann nicht abgetreten oder übertragen werden. Der Gewinn ist weder auszahlbar, ergänzbar oder änderbar. Sollte der Gewinn, gleich aus welchem Grund, nicht zur Verfügung gestellt werden können, bla bla bla gleichwertiger Ersatzpreis…“ zitiert Leo einen Auszug aus den Teilnahmebedingungen.
„Ist das überhaupt legal? Müssen die sowas nicht immer ein Jahr lang laufen lassen oder so?“ Esther runzelt jetzt auch die Stirn und tippt schon auf ihrer Tastatur herum, vermutlich um die rechtlichen Voraussetzungen von Gewinnspielen zu recherchieren.
„Ich glaube, die haben einen Deal mit diesem Hotel und das blockt eben das Zimmer nur für einen Monat. Ich hab mir das nicht so genau angeguckt. Kann ja keiner ahnen, dass man da tatsächlich mal gewinnen könnte…“ Leo scrollt auf seinem Bildschirm, überfliegt ein paar Zeilen und nickt dann.
„Ja, hier steht‘s im Kleingedruckten. Reisezeitraum ist angegeben. Mist.“
„Wo ist denn das Problem? Du kannst doch Urlaub nehmen, wann du willst. Bist schließlich Chef. Das muss ja für irgendwas gut sein.“ Adam grinst und überlegt, ob er Pia direkt auffordern soll oder ob sie selbst merkt, dass der Kaffee langsam fertig sein sollte. Vielleicht hat sie die Tasse jetzt zu weit weggeschoben und schon vergessen, dass sie welchen wollte.
Leos Stirnrunzeln vertiefen sich noch etwas. „Ja, aber da nehm‘ ich ja jemandem den Platz weg, der sich echt darüber gefreut hätte. Ich hätte das wirklich besser lesen sollen… Und das scheint alles auf zwei Personen ausgelegt zu sein. Da fahr' ich lieber gar nicht.“
„Dann nimmst du ja gleich zwei Personen die Chance auf einen schönen Urlaub und lässt das Zimmer ganz leer…“ Pia lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Sie sieht nicht so aus, als würde sie demnächst aufstehen wollen, um den Kaffee zu holen.
„Ich würde ja gern, aber ich habe meine Urlaubstage auf Drängen meines Chefs dieses Jahr schon sehr frühzeitig eingetragen und kann mir keine vierzehn Tage mehr leisten…“ Sie grinst Leo frech an.
Esther nickt zustimmend.
Leo hat auch versucht, Adam wegen der Urlaubsplanung zu bequatschen, aber da Leo sich selbst nicht einträgt, hat Adam es auch gelassen.
Soll Leo ihm zur Not etwas zuweisen, er hat eh keine Pläne.
Seinem Fernweh hat er jahrelang ausgiebig nachgegeben, aber seit er wieder hier ist, hat es sich auf ein Minimum reduziert.
Und einfach nur in Saarbrücken herumsitzen, hat auch keinen besonderen Reiz. Wann genau er das dann tut, ist ihm wirklich scheißegal.
Diese ruhigen Zeiten, wie jetzt gerade, sind eigentlich Urlaub genug. Sie lassen ihm nicht so viel Zeit mit sich selbst, dass seine Gedanken wieder anfangen können zu kreisen und alles in Frage zu stellen, was er je getan hat, bieten aber gleichzeitig wirklich geregelte Arbeitszeiten und arten nicht in Stress aus. Das ist doch ideal.
Nein, da sitzt er lieber hier im Büro mit seinem Team und nimmt sich hier und da kurzfristig frei, wenn es sich anbietet. Monate im Voraus planen ist einfach nicht sein Ding.
Adam lässt sein Bein ein paar mal springen und entscheidet sich dann dafür, doch selbst den Kaffee zu holen.
Immerhin hat er ihn erst ins Spiel gebracht. Er seufzt und stemmt sich wieder aus seinem Stuhl hoch.
Mit der vollen, heißen Kanne bewaffnet, betritt er kurz darauf wieder das Büro, wo Leo immer noch stirnrunzelnd über seiner E-Mail brütet, Pia ihm sofort wieder den Becher entgegenstreckt, und Esther die Augen verengt und ihn anstarrt.
„Was ist mit ihm?“ Ihr Kinn zuckt in Adams Richtung.
„Was soll mit mir sein?“ knurrt Adam und gießt schwarze Brühe in Pias Becher.
„Du hast Zeit und hängst hier eh nur ab“, urteilt sie schamlos.
Er will schon protestieren, aber die Akte, die seit drei Tagen auf seinem Tisch liegt und zu großen Teilen schändlich ignoriert wurde, wenn er mal wieder eine Raucherpause eingelegt, Besorgungen fürs Team gemacht - die trinken schließlich auch gern Kaffee und essen Hörnchen! - oder seinen Kollegen mit hilfreichen Kommentaren zur Seite gestanden hat, gibt ihr leider Recht.
Er klappt den Mund wieder zu und widmet sich endlich seiner eigenen Tasse.
„Du hast noch so viel Urlaub, den kriegst du dieses Jahr sonst gar nicht mehr weg und dann kriegt Leo wieder einen auf den Deckel.“ Pia schlürft ihren Kaffee und funkelt ihn über den Rand des Porzellans hinweg an. Sie weiß schon genau, was bei ihm zieht. Leo in Schwierigkeiten bringen will er natürlich eigentlich nicht. Auch wenn die Statistik da nicht gerade für ihn spricht.
„Ich will nicht zwei Wochen in irgend ‘nem Plattenbau am Strand liegen!“
Auf keinen Fall. Sein Mitleid den potentiellen anderen Gewinnern gegenüber, denen Leo versehentlich den Urlaub weggeschnappt hat, hält sich wirklich stark in Grenzen. Das wissen die doch nicht, dass am Ende keiner diese dämliche Reise angetreten hat!
Sonst gewinnt man bei sowas auch nie. Die haben sicher alle vergessen, dass sie bei der Verlosung überhaupt mitgemacht haben.
Das ist nun wirklich nicht sein Problem!
