Actions

Work Header

Rating:
Archive Warning:
Category:
Fandom:
Relationship:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 8 of Spatort Whumptober 2025
Collections:
Whumptober 2025
Stats:
Published:
2025-10-07
Words:
4,066
Chapters:
1/1
Comments:
10
Kudos:
54
Bookmarks:
3
Hits:
366

Treibsand und Dünen

Summary:

Er kennt das schon. Er kennt das schon von Leo, und wenn grade alles wieder so schlimm ist, dann ist er eben da.

Leo verletzt sich selbst und Adam ist da - auch wenn er das erst lernen muss. Eine Reise durch Schulklos und Bürokeller.

Notes:

Whumptober Tag 8 Oh horror, oh horror, what did you see? und Self-Inflicted Injury und Dissociation

Danke an theywrite für die Beta (Liebe geht raus an meine Komma-Brigade) und Traveler fürs mal wieder Earlybird Lesen, Unsicherheiten ausräumen und Dinge durchdiskutieren.

Wir sind wieder auf dem festen Boden von Hurt/Comfort und Hopeful Ending angekommen. Allerdings auch am Ende der Prompts, für die ich schon vorgearbeitet hatte oder im Zeitplan wenigstens mehr als einen Tag hatte (für Tag 16 und 18 hab ich wieder was, aber das ist ja noch eine Weile hin), also ab jetzt keine Garantie für tägliche Updates... Mal schaun was wird. Vielleicht ein bisschen Drabble? Oder halt auch mal nix.

So oder so, jetzt erstmal enjoy!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
for a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on. 

mary oliver, wild geese

“Leo?”

Grade hat Adam den dunklen Wuschelkopf noch um die Ecke verschwinden sehen, und jetzt guckt er den Gang runter und er ist weg. Für die Biostunde ist das die falsche Richtung, für den Schulgarten sowieso, also ist die letzte Option, die er sieht, das Klo.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Leo nach der Pause oder nach Schulschluss nochmal hier hin verschwindet. Immerhin ist es etwas blöd, blutüberströmt nach Hause zu kommen und sich erklären zu müssen, und ein Taschentuch kann ein Waschbecken nicht ersetzen. Das hat Leo ihm damals erklärt, als Adam ihn zum ersten Mal hier gefunden hat. Adam hat das auch verstanden, musste aber kurz zucken. So naheliegend wie Leo das fand, hatte er schon so oft darüber nachgedacht, dass es zur Routine geworden ist.

Geworden war. Seit Adam seine Ansage gemacht hat, wobei hier mehr seine Fäuste als seine Stimme involviert waren, ist das eigentlich nicht mehr vorgekommen. Dachte Adam.

Leo gehört jetzt zu ihm, und das heißt, Leo wird nicht mehr weh getan. Das hat er klar gemacht. Auch wenn er nicht überall auf dem Schulhof sein kann und die beiden dann doch öfter mal getrennt Unterricht haben, sollte allen klar sein, dass es auch noch hinterher Stress gibt, wenn er sowas mitbekommt.

Darum sollte es eigentlich keinen Grund mehr geben, sich da zu verstecken. Wahrscheinlich muss er wirklich nur pinkeln. Adam lehnt sich demonstrativ unbeteiligt an die Wand. Fragen, ob Leo heute Abend zum See kommt, kann er auch in ein paar Minuten, aber fragen muss er, denn sein Vater ist nur bis morgen früh weg. Bio kann warten.

Ein paar Minuten reichen nicht aus. Leo taucht nicht wieder auf.

Adam ist drauf und dran, enttäuscht Richtung Unterricht zu verschwinden, da hört er am Ende des Ganges Schritte. Das leichte Schlurfen, nur jeden zweiten Schritt, ist nicht zu verwechseln. Hausmeister Gruber erzählt Interessierten (und Uninteressierten) jederzeit gerne davon, wie ein Nerv am Bein einst ärztlicher Unfähigkeit und einem Gips zum Opfer fiel, aber bei Schülern auf dem Flur während der Unterrichtszeit versteht er gar keinen Spaß. Noch viel schlimmer - er kennt Adams Vater, ziemlich gut sogar.

Also rettet sich Adam schnurstracks ins Klo, und hofft, dass Gruber heute noch nicht so viel getrunken hat, dass er das gleiche Ziel hatte.

Die hinterste Kabine ist eigentlich immer frei. Verstopft, Schloss kaputt, Spülkasten zertrümmert, was auch immer. Aber heute ist die hinterste Kabine zu - und es kommt leises Schluchzen aus der Richtung.

——

“Leo?”

Es pisst wie Hölle draußen und Adam will wirklich einfach nur nach Hause ins Bett nach diesem Tag, aber das Gesicht, das Leo nach dem Anruf macht, kann er so nicht stehen lassen.

Leo lässt sie alle drei einfach sitzen und stürmt wortlos aus dem Büro, Tür hinter sich zu.

“Gib ihm einen Moment, der kommt gleich wieder. Ich brauch dich kurz”, sagt Esther, als Adam Leo hinterher will. Dass er für die Anfrage an die Staatsanwaltschaft wirklich so dringend gebraucht wird, bezweifelt er irgendwie, aber Esther und er sind grade auf einem grünen Zweig und er will das nicht ausreizen. Außerdem braucht Leo manchmal einfach kurz Platz.

Leo kommt nicht wieder.

Sie versuchen zu dritt nachzuvollziehen, wer ihn da angerufen haben könnte. Pia zückt schon ihr Telefon, während Adam Leo schreibt, aber die Nachricht bleibt ungelesen und weder KTU noch Henny haben neue Ergebnisse, geschweige denn grade mit Leo telefoniert. Pia meint, Henny klingt ein bisschen so, als hätte sie tatsächlich mal geschlafen und der Anruf sie geweckt. Sie schaut etwas betreten.

Esther schickt sie alle drei dann stellvertretend in den Feierabend. Ohne ihren Teamleiter und die Information, die er nicht mit ihnen teilen will, geht es sowieso nicht weiter.

“Vielleicht ist es was Privates”, meint Esther. Adam glaubt da nicht wirklich dran. Der Fall, an dem sie grade knabbern, ist nah genug an privat, dass das gar nicht nötig ist. Adam sieht, wie sehr Leo mit sich kämpft, jeden Tag. Tut er ja auch, wenn er ehrlich ist, aber wenn es Leo schlecht geht, ist er nicht ehrlich. Dann macht er lieber zu, dann gibt es Wichtigeres.

Es ist aber auch ein Scheiß, dieser Fall. Sie haben alle im Gefühl, dass es der Säufer war, und sie haben ebenfalls alle im Gefühl, dass er seinen Sohn und wahrscheinlich auch seine Frau schlägt. In der Hand haben sie nichts. Nichts wegen häuslicher Gewalt, nichts wegen Kindesmissbrauchs, nichts wegen ihres Mordfalls. Sowohl Leo als auch Pia haben schon mehrfach versucht, mit Mutter oder Kind alleine zu sprechen, vergeblich. Die Mutter sagt nicht aus, das Kind kriegen sie nicht ohne Vater.

Adam hat es gar nicht erst versucht. Er hat mit Esther ihren anderen Hauptverdächtigen die ganze Nacht lang observiert, denn den findet die Staatsanwaltschaft aus irgendeinem Grund toll. Für den gibt’s Überstunden und Streifen und Observation.

Ins Bett, er muss ins Bett. Aber draußen steht Leos Dienstwagen und Adam hat irgendwie kein gutes Bauchgefühl.

——

Es riecht, gelinde gesagt, beschissen hier. Adam will gar nicht wissen, wer schon wieder kunstvolle Schnörkel an die lacksplitternden Trennwände gepisst hat oder wer den Spülknopf partout nicht finden wollte. Vielleicht sollte er denen auch mal in die Fresse hauen, der Erziehungseffekt ist nicht zu unterschätzen. Eigene Erfahrung und so.

Adam schließt die Tür hinter sich, so sanft er kann, und trotzdem stockt das Schluchzen. Er schleicht sich zur Kabine neben der Verschlossenen, und sinkt nach einem prüfenden Blick auf den Klodeckel. Lieber Gruber abwarten. Die Eingangstür wird jäh aufgerissen. Adam zieht seine Füße hoch und greift zum Schloss, doch das Schlurfen bleibt im Vorraum, wo die Pissoirs stehen. Ein satter Strahl hallt durch den Raum, bis er sich in einem Plätschern verliert, eine Gürtelschnalle klappert, dann quietscht die Tür und klatscht wieder zu. Mit Hände waschen hat der’s wohl nicht so.

Adam lässt einen Atemzug langsam durch die Nase ziehen und will sich schon aufrappeln, da geht das Schluchzen neben ihm wieder los. Die Stimme könnte er kennen, aber durch das nasse Schniefen ist es gar nicht so einfach, sich sicher zu sein. Ist das doch Leo? Es zieht in seiner Brust. Aber um ehrlich zu sein, hat er ihn noch nie so richtig heulen gehört. Viel zu gefasst war der immer, selbst beim Blut aus dem Gesicht waschen. Kurz malt er sich die Blamage aus, Justus oder Quentin beim Flennen zu überrumpeln, und entscheidet sich zu warten. Starrt die Tür vor sich an und lauscht. Im Gesamtkunstwerk der Schmierereien vor ihm wandert sein Blick über ein verbeultes Herz mit dem Schriftzug ‘A + L sizen aufm Baum’. Und ficken hat jemand mit dickem Edding drunter geschrieben. Wenigstens ist ficken im Gegensatz zu sizen richtig geschrieben. Alina und Lukas aus der 9b vielleicht?

Adam kommt mit der Überlegung nicht weit, denn das Schluchzen wird jetzt vom Klicken eines Feuerzeugs übertönt. Raucht der jetzt? Das kann nicht Leo sein, entscheidet Adam. Der hat zwei Mal bei Adam probiert und beide Male einen derartigen Hustenanfall bekommen, dass Adam dachte, jetzt muss er zu den Sanitätern rennen. Doch statt vertrautes Nikotin und Teer zu riechen, hört er ein leises Zischen und dann einen unterdrückten Laut. So ein Wimmern. Und das hört sich eben doch ein bisschen zu sehr nach Leo an. Das Feuerzeug klickt wieder an. Er hört das Gas austreten und steht behutsam auf. Ein Fuß auf den Klodeckel. Langsam das Gewicht verlagern. Bauchmuskeln anspannen, Gleichgewicht halten, hoch. Keinen Mucks macht er, das Klo knarzt nicht einmal, bis er über die Trennwand lugt und braune Haare erspäht. Da sitzt wirklich Leo. Und in diesem Moment erlischt die Flamme des Feuerzeugs in seiner Hand und er drückt sich das heiße Metall auf die blasse Haut seines Unterarms. Es zischt, Adam verliert das Gleichgewicht, rumst gegen die Trennwand, rutscht auf dem Klodeckel aus und landet unsanft auf den schmierigen Fliesen. Fuck.

“Hallo?”, quietscht Leo von nebenan. Die Panik ist nicht schwer zu hören.

——

Den Fitnessraum hat Adam schon abgeklappert, den Schießstand auch, also bleiben nur noch die Duschen. Bevor er die Tür überhaupt öffnen kann, wabert ihm schon der Dampf entgegen. Er tritt ein und wird komplett umhüllt. Der heiße Nebel schlägt sich auf seine Haut nieder. Ganz hinten prasselt das Wasser Sturzbäche auf die Fliesen, und mittendrin steht Leo, nackter Fels in der Brandung. Oh. Adam atmet auf, doch der Erleichterung folgt sofort ein Ziehen in seiner Brust, als er versteht was Leo macht. Er gibt der Tür hinter sich einen Schubs, lässt sie betont zufallen. Leo zuckt, dreht sich um zum Eingang, versteckt mit Mühe, wie ertappt er sich fühlt, doch als er Adam erkennt, wendet er sich wortlos ab und bleibt einfach in den dampfenden Wassermassen stehen. Der Hahn ist auf Anschlag. Adam weiß, dass das Wasser eine Temperatur erreicht, die unerträglich ist. Die für Verbrühungen reicht, wenn man es drauf anlegt. Leo legt es drauf an.

Adam nähert sich und weiß, dass Leo sich nicht rühren wird. Seine Jeansjacke trennt ihn vom Schlimmsten, als er unter die Dusche tritt, aber seine Hand gibt ihm einen Eindruck davon, was Leo hier über sich ergehen lässt. Er dreht wortlos auf kalt. Leo sagt nichts, zieht nur unmerklich seine Schultern hoch.

“Ich weiß. Ist scheiße, aber wir kühlen das jetzt.” Adam sagt das einfach dahin, als hätte Leo sich gewehrt. Hat er nicht. Er weint nicht mal. Das tut er so selten, weiß Adam. Nur wenn er Leo ganz weich macht, ihm alle seine Wände nimmt, ihn so überfordert, dass er den Boden unter den Füßen verliert, nur dann darf Adam ihn so richtig fangen. Dann schluchzt er in seinen Armen, manchmal die ganze Nacht. Aber jetzt ist er Leo, der Teamleiter, Leo, der Jahre zusehen musste, bevor er zum Spaten gegriffen hat. Jetzt lastet die Welt auf seinen Schultern und Adam weiß, dass er ihm das nicht abnehmen kann, egal was er macht. Er kennt das schon. Er kennt das schon von Leo, und wenn grade alles wieder so schlimm ist, dann ist Adam eben da.

Fünf Minuten laukühl, dann stellt Adam die Dusche ab und holt Leos Handtuch. Er tupft federleicht über die feuerrote Haut, sieht wie Leo sein Gesicht in eine harte Maske gießt, gegen jedes Zucken kämpft. “Das wird sich pellen, an einigen Stellen.” Leo zuckt mit den Schultern. Starrt weiter auf den Boden vor ihm und lässt alles einfach passieren.

Noch bevor Leo trocken ist, fängt er an zu zittern. Das unfreiwillige Zähneklappern ist mehr Bewegung, als Adam seit dem Betreten der Dusche von ihm gesehen hat. Er wickelt Leo in das Handtuch und zieht ihn in seine Arme, drückt ganz fest und lässt sofort wieder los, weil Leo das Zischen nicht unterdrücken kann. “Komm”, sagt Adam nur, entschuldigend, und hält ihm seine Hose hin. Die Gürtelschnalle klappert in Leos zittrigen Händen. Adam nimmt sie ihm sanft aus der Hand, zieht den Reißverschluss hoch, popelt den Hosenknopf ins Loch und schließt den Gürtel. Nicht zu fest. Der Handgriff ist ungewohnt, aus dieser Richtung, und doch so unverhofft vertraut. Leos Stirn liegt fast auf seiner Schulter.

Am Haken bei der Duschkabine hängen seine Lederjacke und sein vermaledeit enges Sweatshirt. Adam fühlt allein beim Anblick schon das Kratzen des Wollstoffs auf Haut. Er klemmt Leos Zeug unter einen Arm und greift wortlos nach seiner Hand. Halbnackt zieht er ihn mit, hinaus aus der Dusche und in den verlassenen Flur des Kellers. Leo verschränkt seine Finger mit Adams, fragend, aber ohne Widerstand zu leisten.

Für einen Moment wühlt Adam einhändig durch das Chaos in seinem Spind, dann zieht er ein Stoffbündel heraus. “Aha”, sagt er, “Arme hoch”, und es erinnert ihn an den Ton von Leos Mutter, an den kühlen Herbstabenden, wo alles weich genug war, um sich auch als 15-Jähriger noch helfen zu lassen. Leo lässt sich auch helfen. Wortlos, widerstandslos, bis er eingewickelt ist in Adams überdimensionierten Kuschel-Hoodie. Endlich sieht er Adam an, und Adam hält seinen Blick für ein paar Atemzüge, nimmt dann wieder seine Hand.

Draußen auf dem Parkplatz löst sich Leo plötzlich und schlurft auf seinen Dienstwagen zu. “Ja dann. Bis morgen”, murmelt er, und Adam ist kurz davor aufzulachen.

“Nee, Leo. Du kommst mit mir.”

——

Adams Knöchel meldet sich mit einem Ziehen, das nichts Gutes verheißt, aber der Gedanke an das bevorstehende Training morgen Nachmittag scheint grade vollkommen irrelevant. Leo drückt sich Adams Feuerzeug auf den Arm, das Feuerzeug, das Leo ihm vor ein paar Wochen abgezogen hat, nachdem der zweite Versuch mit dem Rauchen kläglich gescheitert war. Adam hat nur blöd geschmunzelt und sich nichts dabei gedacht. Und jetzt das. Leo, ausgerechnet Leo.

Humpelnd schleppt er sich aus der Kabine und baut sich vor der verschlossenen letzten Tür auf. “Leo, mach auf.” Er klopft, erst zögerlich, dann mit Nachdruck.

“Nein”, kommt die verschnupfte Stimme von drinnen.

“Leo. Mach auf.” Adam klopft jetzt nicht mehr, versucht die Wut, die in ihm hochkocht zu unterdrücken. Seine Gedanken rasen, wie lange schon, wieso hat er das nicht gesehen, wieso weiß er davon nichts, warum macht er das, warum macht er das.

“Leo, bitte”, versucht er es noch einmal, sucht in seiner Tasche schon nach einer Münze, die dünn genug ist, um in den Schlitz des Schlosses zu passen.

Es klackt, der Knopf dreht sich und die Tür quietscht zögerlich auf. Leo sinkt auf den Klodeckel zurück und sieht aus angsterfüllten Augen zu Adam hoch. Bitte tu mir nicht weh, sagt sein Gesicht, und Adam möchte schreien.

Mit einem Satz reißt er Leo das Feuerzeug aus der Hand. Leo zuckt erschrocken, wehrt sich aber nicht. “Das ist doch meins”, will Adam fauchen, aber seine Stimme bricht und er hört, dass er verzweifelt klingt. Leo nickt, als müsse er sich dafür entschuldigen, es Adam geklaut zu haben.

Adam starrt Leo an, Leo hält seinem Blick nicht lange stand. Er scheint zu versinken, im Treibsand der verkrusteten Fliesen, und Adam sucht ein Seil, will ihm irgendetwas zuwerfen, aber er findet nichts. Und seine Hand ist zu viel. Seine Hand verbrennt Leo, seine Hand spricht Wahrheiten, die nicht sein dürfen, seine Hand hat schon bei der kurzen Berührung, als er Leo das Feuerzeug weggenommen hat, Funken gerissen. Er kann Leo nicht sagen, wie weh es ihm tut zu sehen, wie er sich weh tut. Aber vielleicht kann er es versuchen zu verstehen?

“Warum— Leo, was zur Hölle machst du?” Glasscherben sprühen aus seiner Kehle, eine Anschuldigung, die keine sein wollte.

Leos Gesicht versteinert. Seine Stimme ist nüchtern. “Du verstehst das nicht.” Es läuft Adam eiskalt den Rücken herunter. Er hat’s schon wieder falsch gemacht, er kann das nicht, das mit dem bester Freund sein, denn wenn er das könnte, würde er es doch verstehen, oder? Verstehen Freunde nicht, was los ist? Noch einmal schluckt er, schluckt die Wut hinunter, den Tumult in seiner Brust. Versucht weich zu klingen, obwohl er darin so wenig Übung hat.

“Ich— Sorry, ich sollte das verstehen, ich weiß, ich denk nur—” Adam steht hilflos in dieser vermaledeiten Tür und redet sich um Kopf und Kragen. Jetzt bloß nicht aufhören, dann kommt vielleicht das Richtige noch raus.

“Ich dachte es wär vorbei. Hat dir wieder wer weh getan? Weil, ich mach die fertig, ich—”

Das war nicht das Richtige. Leo macht so ein frustriertes Geräusch, wie ein Aufheulen, und Adam bricht ab. Das Problem ist ja auch offensichtlich, dass der, der Leo grade weh getan hat, Leo ist. Und Adam kann und wird Leo mit Sicherheit nicht fertig machen. Oh Gott ist das kompliziert.

“Ich—” Adam versucht es nochmal, denn Leo starrt wieder nur in seine Hände, und dann hoch in Adams Hände, wo Adam das Feuerzeug umklammert, als würde Leo es ihm gleich mit Gewalt aus der Hand reißen. “Warum machst du das denn?”

Adams Stimme klingt nur noch verzweifelt und er versucht auch nicht mehr das zu verstecken. Er will Leo in den Arm nehmen, ganz fest halten, nie wieder loslassen am besten. Er will weg mit Leo, irgendwohin, wo niemand ihn jemals wieder anfassen kann, wo sie nur noch zu zweit sind und Adam ihn für immer beschützen kann, aber der Gedanke ist heiß-kalt in seinem Bauch und selbstsüchtig und falsch. Wahrscheinlich kann sich Leo gar nichts Schlimmeres vorstellen, so wie er da hockt und seine Hände anstarrt und so wie Adam das jetzt alles nicht mal versteht. Er weiß schon, warum das nicht geht. Warum dieses Geheimnis sein am besten Gehütetes bleiben muss.

“Das ist auch vorbei,” sagt Leo plötzlich, ganz ganz leise. “Die verprügeln mich nicht mehr. Ich— Ich bin dir dafür unendlich dankbar, wirklich.” Er schaut nicht hoch zu Adam. “Aber nur weil die nicht mehr zuschlagen ist jetzt nicht alles gut, weißt du?”

Adam weiß irgendwie nicht. Er hätte besser aufpassen müssen. Fragen, zuhören. Da wäre genug Zeit gewesen, statt gedankenlos im See zu planschen oder auf Bäume zu klettern, während Leo ihm besorgt hinterher guckt und dann trotzdem lacht, wenn er es gerade so unverletzt wieder runter schafft. Leo geht es nicht gut und Adam hat es einfach verpasst. Weil er so beschäftigt damit war, an sich selbst zu denken. Aufzuatmen, in diesen kurzen Momenten, wo alles federleicht ist, weil Leo ihn anstrahlt, als wäre er Adams eigene Sonne. Er hat sich einfach blenden lassen, hat es nicht gesehen. Die langen Ärmel, die traurigen Augen.

Adams Atem geht schneller. Er ist so überfordert mit diesem Klokabinenuniversum, das sich grade vor ihm auftut. Sein Feuerzeug bohrt sich in seine Hand, er starrt die kreisrunden dunkelroten Flecken auf Leos Arm an, und er weiß einfach nicht, wie er das reparieren soll. Wie er Leo jetzt helfen soll. Also wird alles ein bisschen eng in seiner Brust, während er überlegt, wie er doch noch öfter bei Leo sein kann. Vielleicht schafft er es nachts aus dem Haus oder kann seinem Vater einen falschen Stundenplan zeigen, für den er dann früher in die Schule muss, aber wenn der das rausfindet, möchte Adam gar nicht wissen, was passiert, und eigentlich ist sowieso selbst heute Abend am See schon gefährlich, was, wenn er doch nicht erst morgen früh wieder kommt—

“Hey, Adam, du musst nicht— Es geht doch um—” Jetzt guckt Leo zu ihm hoch. Besorgt und hilflos, seine Augen schwimmen mit Tränen. Er will irgendwie was sagen, was erklären, es liegt ihm auf der Zunge, aber es kommt nicht raus. Adam drückt seine Panik runter. Es geht jetzt nicht um ihn, es geht doch um Leo, also muss er sich jetzt mal zusammenreißen. Irgendwann einmal das Richtige sagen, wie schwer kann es sein.

Leo lässt ihm keine Chance. Er zieht sich mit einem Ruck den Pullover über seine Arme, springt auf und drückt Adam aus dem Weg. Adam hält ihn nicht auf. Die Tür im Vorraum knallt zu, im gleichen Moment wie Adams Faust gegen die Trennwand prallt. Leos Hand auf seiner Brust, der sanfte Schubser, seine nassen Augen, alles hallt nach, bitter, süß, bitter, und er ertränkt das Gefühl im gleichen Moment wie die Klopapierrolle in der Toilette. Als er geht schwappt das Wasser schon über den Rand.

Zuhause hasst er sich dafür, das Simpelste vergessen zu haben, in seinem fiebrigen Strudel aus Wut und Verwirrung. Kühlen. Sie hätten das kühlen müssen. Nicht mal das konnte er für Leo machen. Nicht mal das hat er hingekriegt.

——

Im Auto bricht es plötzlich aus Leo heraus in die Stille:

“Ich hätte einfach schießen sollen. Hätte ich gestern oft genug die Möglichkeit zu gehabt.”

Adam wirft einen Blick zum Beifahrersitz und sieht, wie Leos Nägel sich in seinen Handballen graben. Er seufzt und fängt Leos Hand, drückt, so fest er kann.

“Leo. Wahllos auf Leute schießen? Das ist doch eher mein Ding.”

“Dann sitz ich eben für den Rest meines gottverdammten Lebens. Aber der Junge wär noch hier. Er wär noch hier.”

“Scheiße. Der Junge ist tot?” Leo nickt. Ein Sandsturm überrollt Adam, tausend Nadeln auf seiner Haut. Nur weil er das Auto fährt, nur weil Leo neben ihm sich darauf verlässt, dass Adam ihn sicher nach Hause bringt, reißt er sich zusammen. Schließt nicht seine Augen, drückt nicht aufs Gas und lässt nicht den Zufall darüber entscheiden, was als nächstes passiert. Er presst seine Zähne zusammen und schaut wieder zu Leo, prägt sich seine langen Wimpern, sein bärtiges Kinn, das matte Funkeln seiner Augen genau ein, bevor er zurück zur Straße guckt.

“Fuck”, sagt Adam, denn etwas anderes gibt es nicht zu sagen.

“Leo, das ist verfickt nochmal nicht deine Schuld.”

Leo lacht hysterisch. “Er wär noch hier.”

Adam glaubt nicht wirklich, dass Leo grade so ganz hier ist. Was er da sagt, hört sich alt an, sehr alt. Und Adam versteht es ja, wirklich, aber gleichzeitig ist der Gedanke absurd. Dass Leo, der goldene Junge, Leo, der ihn gerettet hat, Leo, der immer alles richtig macht, sich so sicher ist, er ist schuld an dieser Scheiße, schuld an der Scheiße damals, das will irgendwie nicht in Adams Kopf. Es hat lange genug gedauert, bis er es geschafft hat, es öfter hinzunehmen als dagegen anzukämpfen. Mit Leo zu diskutieren, bis sie sich anschreien.

Vielleicht ist es einfacher, wenn Leo glaubt, er hätte es anders machen können. Wenn er dem Schuldigen immer so nah ist, dass er ihn jederzeit bestrafen kann, weil der Schuldige sowieso immer er selbst ist. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so einfach wie das klingt. Adam kann hier nicht mal mit Therapeutenwissen aus zweiter Hand glänzen, angesichts der Tatsache, dass er noch nie freiwillig eine Praxis betreten hat. Adam ist eben nur Leos bester Freund. Partner, inzwischen, im Job wie im Bett. Aber Adam kann da sein. Abgesehen davon ist das einfacher, als sich damit auseinanderzusetzen, wie sehr seine eigene Haut brennt, seit Leo die grausame Nachricht mit ihm geteilt hat.

Adam bugsiert ihn durch seine dunkle Wohnung und direkt ins Schlafzimmer. Drückt Leo aufs Bett, bis er sich endlich in die Kissen fallen lässt. Es ist gemütlich hier, seit sie miteinander schlafen. Seit dieses verworrene und undefinierte Ding zwischen ihnen angefangen hat. Vorher waren die Wände kahl, die Bettwäsche grau, mit keiner einzigen Pflanze hatte Adam sich herumgeplagt. Jetzt gießt er regelmäßig, hat teure Leinenlaken gekauft und sogar mit Schraubenzieher und YouTube-Tutorial warme, unaufdringliche Beleuchtung installiert. Die Gewichtsdecke, die Rainer ihm vor zwei Tagen heimlich empfohlen hat, ist noch im Versand, und er ärgert sich, dass er den Tipp so spät bekommen hat. Er will alles hier haben, was Leo mag. Nur weil Leo jetzt ein oder zwei Mal die Woche hier schläft. Nur weil Adam sich sicher sein muss, dass es gut für ihn ist, wenn er sich hier von Adam auseinandernehmen und wieder zusammenpuzzeln lässt.

Vielleicht genießt Adam es auch manchmal, wenn die Morgensonne durch die Blätter der Monstera spielt und er dank des orthopädischen Kissens ohne Nackenschmerzen aufwacht. Nutznießer von Leos Behaglichkeit kann er sein. Aber er weiß, für sich selbst hätte er das nicht gemacht.

Irgendwann hat Adam sich von allem befreit, was Jeansstoff ist, und das Licht ausgemacht. Leo liegt starr im Bett neben ihm und durchlöchert die Decke mit seinen Blicken. Adam hofft, dass die Laken seine gereizte Haut kühlen, hofft, dass er doch irgendwie schlafen können wird heute Nacht, aber die Hoffnungen, die er sich macht, sind nicht besonders groß.

“Es tut mir Leid”, flüstert Leo plötzlich.

“Leo—”

“Nein, es— Es ist nicht fair, dass du dich so kümmern musst. Es tut mir Leid.” Adam will sich nicht streiten, will ihm nicht widersprechen, aber das so stehen lassen? Er sucht nach Worten und findet keine.

“Danke”, sagt Leo stattdessen, in die lange Stille hinein.

Adam seufzt. “Nicht dafür, Leo. Bitte nicht dafür.”

Eines Tages wird Adam ihm sagen können, dass er glücklich ist. Dass es keinen Ort an der Welt gibt, an dem er sich sicherer fühlt, als wenn er sich um Leo kümmern kann. Keinen Ort auf der Welt, wo er sich geliebter fühlt, als wenn Leo ihn braucht.

Heute sucht er nach Leos Hand in den Dünen aus Decken und Stoff und braucht kein Seil. Seine Hand wärmt Leos, seine Hand spricht Wahrheiten, die sein dürfen, auch wenn er sie noch nicht laut sagen kann, seine Hand bleibt lange in Leos liegen und reißt keinen einzigen Funken, bindet stattdessen ein festes Band.

Wenn grade wieder alles so schlimm ist, dann ist Adam eben da.

Notes:

kudos und kommis freuen mich immer sehr :) egal in welchem format!

Series this work belongs to: