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Sherlock Holmes - Der verschwundene Detektiv

Summary:

In liebevoller Erinnerung an Jeremy Brett, den besten Sherlock Holmes, den es je gab...

Sherlock Holmes hat sich in ein kleines Landhaus in den Sussex Downs zurückgezogen, als ihn eines Tages ein Brief seines Bruders Mycroft erreicht, um ihn auf einen letzten, gefährlichen Auftrag vorzubereiten. Nicht sicher, ob er diesen letzten Auftrag überhaupt annhemen will, der ihn aus dem friedlichen Leben herausreißen wird, das er zu lieben gelernt hat, erzählt er Agatha von seinem ersten Versuch, sein altes Leben hinter sich zu lassen...

Notes:

Die Sherlock Holmes Geschichten sind eine großartige Abhandlung über Männerfreundschaft, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Männerfreundschaften wurden herabgewürdigt. Eines der schönen Dinge an Holmes und Watson ist, dass sie diese großartige platonische Beziehung haben.
(Jeremy Brett)

Chapter 1: Ein Strum zieht auf!

Chapter Text

Sherlock Holmes

Der verschwundene Detektiv


Sherlock Holmes: Meine Klienten sind allesamt Menschen, die in Schwierigkeiten stecken und sich nach etwas Klarheit sehnen. Ich höre mir ihre Geschichte an, sie hören sich meine Kommentare an, und dann kassiere ich mein Honorar.

(Sir Arthur Conan Doyle: „Eine Studie in Scharlachrot“)


Prolog: Ein Sturm zieht auf


Der Brief lag wie von unsichtbaren Gewichten beschwert in meiner Hand und selbst nach wiederholtem lesen der rasch von der mir so wohlbekannten Handschrift meines Bruders hingeworfenen Zeilen vermochte ich es nicht, mich der widersprüchlichen Gefühle zu entziehen, die sein Inhalt in mir erweckte.

So wie die Schneeflocken, die vom Wind in alle Richtungen hin- und hergetrieben wurden und wild vor dem Fenster der Bibliothek meines kleinen Landhauses in den Sussex Downs tanzten, so wurden auch meine Gedanken vom Inhalt jenes Briefes in meiner Hand hin- und hergetrieben – und ob ich es wollte oder nicht, so wusste ich doch, dass ich binnen weniger Tage eine Antwort auf dieses unselige Schreiben finden musste.

An diesem stürmischen Wintertag des Jahres 1912 hatte Mycroft mich darüber informiert, dass mich der Außenminister aufzusuchen wünschte. In Begleitung des amtierenden Premierministers.

Mein Bruder ließ offen, bezüglich welch wichtiger Angelegenheit die beiden Staatsmänner es für geboten hielten, den Weg hinaus aufs Land auf sich zu nehmen, um mich in meinem unscheinbaren Heim aufzusuchen und mich aus meinem Ruhestand aufzuscheuchen, aber ich war nach wie vor zu sehr interessiert an all jenen Dingen, die unser Land und die Welt um mich herum betrafen, um nicht wenigstens den Schimmer einer Ahnung zu hegen.

Natürlich war es mir nicht entgangen, dass sich in jüngster Zeit die Spannungen verschärften, die sich über die Jahre hinweg in Europa aufgebaut hatten, und insbesondere unsere deutschen Nachbarn auf der Südseite des Kanals schienen außerordentlich daran interessiert, Informationen über unsere militärische Stärke zu sammeln und darüber, wie man diese zu untergraben vermochte.

Unter all den Spionen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, geheime Unterlagen aus dem Land zu schmuggeln, stach ein Mann besonders hervor: Ein gewisser van Bork. Ich wusste, dass auch er sich an der Küste niedergelassen hatte, nachdem er während der Olympischen Spiele für Aufsehen gesorgt hatte, die 1908 in London ausgetragen worden waren. Er galt als ehrgeiziger Sportsmann, geistreicher Gesellschafter und Liebhaber des englischen Lebensstils. Ein Mann, der nicht weiter auffiel und den man, zumindest im Auge der Öffentlichkeit, nicht wirklich ernstzunehmen schien.

Nichtsdestotrotz hielt man in bestimmten Kreisen ein wachsames, wenn auch verborgenes Auge auf diesen Deutschen. Nicht nur, um ihn in Sicherheit zu wiegen, sondern auch, um in Erfahrung zu bringen, wer aus den eigenen Reihen ihn mit Informationen versorgen würde.

Nachdenklich ließ ich mich in den Sessel neben dem Fenster sinken und folgte mit den Blicken für eine Weile dem Tanz der Schneeflocken, bevor ich ein weiteres Mal das Schreiben überflog, das mich über kurz oder lang ein letztes Mal aus meinem friedlichen Leben zwischen den sanften Hügeln der Sussex Downs aufstören sollte.


Mein lieber Sherlock,

Du weißt, ich würde Dich nicht in Deinem selbstgewählten Exil mit Neuigkeiten behelligen, die den Staat betreffen, wenn es nicht von außerordentlicher Dringlichkeit wäre.

Aber nun scheinen Ereignisse ins Rollen zu geraten, die sich auf lange Sicht hinweg zu einem verheerenden Konflikt ungeahnten Ausmaßes entwickeln könnten, sofern wir ihnen nicht entgegenwirken.

Uns sind einige Namen von Individuen bekannt, denen daran gelegen ist, das Königreich zu schwächen oder gar zu vernichten, aber noch fehlen uns jene einschlägigen Beweise, die es uns erlauben würden, diese Individuen von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Vor diesem Hintergrund und beauftragt vom Premierminister daselbst trat nun vor einigen Tagen der Außenminister mit der Bitte an mich heran, bei Dir um eine Konsultation zu bitten.

Du musst Dich deswegen nicht nach London bemühen, die Herren werden Dich auf Deinem Landsitz aufsuchen.

Ich möchte Dich nicht unvorbereitet auf dieses geheime Treffen lassen, Sherlock.

Was man von Dir verlangen wird, könnte möglicherweise jeden Deiner vorherigen Fälle an Vorbereitungszeit übertreffen, da man von Dir erwarten wird, Dich über einen längeren Zeitraum an unterschiedlichen Orten auf jene letzte Konfrontation vorzubereiten, von der zum heutigen Zeitpunkt niemand wirklich zu sagen vermag, wann diese eintreten wird.

Vermutlich wird dieser Fall von Dir verlangen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen und Kontakt zu jenen, die Dir nahestehen, zu vermeiden.

Du weißt, was dies bedeutet.

Daher rate ich Dir in diesem Fall nicht als Berater der Regierung, sondern als Dein Bruder, den guten Doktor Watson, Deine getreue Haushälterin und vor allem Deine geliebte Agatha zumindest teilweise in jene Vorgänge einzuweihen, die für eine Weile Deiner vollen Aufmerksamkeit bedürfen werden.

Ich will es Dir nicht verheimlichen, dass dieser Fall Dich mehr als einmal in Lebensgefahr bringen könnte, solltest Du ihn annehmen. Du wirst für die meiste Zeit Deiner Ermittlungen auf Dich allein gestellt sein und solltest Du scheitern, wird die Regierung leugnen, Dir einen solchen Auftrag jemals erteilt zu haben.

An Deinem Mut und Deinen Fähigkeiten hege ich keinen Zweifel, Sherlock, aber ich verstehe sehr wohl, dass Dir an Deinem neuen Leben liegt.

Wie auch immer Du in diesem Fall entscheiden wirst, man wird Deine Entscheidung akzeptieren.

Mycroft


Mit einem Seufzer warf ich das Schreiben achtlos auf den kleinen Beistelltisch neben meinem Sessel, entzündete mir eine Pfeife und blies gedankenverloren blauen Dunst in den Raum, während draußen noch immer die Schneeflocken tanzten.

Ich wusste, die Worte meines Bruders waren aufrichtig, aber blieb mir wirklich eine Wahl, wenn sie die beiden mächtigsten Männer des Landes anschickten, mich in diesem Fall persönlich um Rat und Hilfe zu bitten?

Es wäre nicht das erste Mal, dass ich allein und im Geheimen ermitteln würde, aber niemals zuvor hatte so viel auf dem Spiel gestanden wie in diesem Fall und niemals zuvor waren Erfolg oder Misserfolg mit größeren Konsequenzen verbunden gewesen.

Die sanfte Berührung zweier Arme, die sich von hinten um mich schlangen, und einer Wange, die sich zärtlich an meine schmiegte, riss mich aus diesen schweren, tiefschürfenden Gedanken.

„Dich beunruhigt etwas, hab ich recht? Nicht, dass es mich etwas angeht, aber sogar ein Blinder wäre in der Lage, zu erfassen, dass dich etwas bedrückt.“

Ich fasste Aggie bei der Hand, zog sie neben mir auf die Armlehne meines Sessels nieder und schlang einen Arm um ihre Taille, bevor ich erklärte: „Mycroft hat einen Auftrag für mich.“ Ich deutete auf den Brief, der noch immer auf dem Tisch lag. „Aber ich weiß nicht, ob ich ihn annehmen will.“

„Worum geht es?“

„Lies selbst.“

Sie griff nach dem Schreiben, und ihrem Mienenspiel entnahm ich, dass sie verstand, weshalb ich mit mir um eine Entscheidung rang: „Was wirst du tun?“

„Wenn ich ehrlich bin, ich weiß es nicht.“

Aggie lächelte: „Das alte Dilemma also, hm? Der Detektiv Sherlock Holmes will etwas anderes als der Bienenzüchter Sherlock Holmes. Ganz zu schweigen von dem Mann, der einfach nur das Leben auf dem Land genießen will. Nicht wahr, Will Escott?“

Wie immer, wenn sie mich auf diese Art neckte, verflüchtigten sich alle schweren Gedanken für den Augenblick und ich gestattete es mir, einfach nur ihre Nähe zu genießen, als ich flüsternd erwiderte: „Ach, Aggie! All diese Dinge scheinen so einfach zu sein, wenn man sie durch Deine Augen betrachtet. Ich wünschte nur, ich könnte sie ebenfalls auf diese Art betrachten.“

„Warum versuchst du es nicht einfach?“

„Das habe ich bereits einmal getan, aber das ist lange her…“

„Hat es dir gefallen?“

„Ich denke schon.“

„Wann war das?“

„Damals in der Schweiz. Als ich mich entschieden habe, meinem damaligen Leben den Rücken zu kehren.“

Sie schlang ein weiteres Mal die Arme um mich, glitt auf meinen Schoß und sagte, nachdem sie mir einen Kuss auf die Wange gegeben hatte: „Erzähl mir davon...“