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Es war eine regnerische Nacht, als es passierte. Es war eine für ihn ganz normale Nacht, da es immer regnete, wenn er Taxi fuhr. Es würde niemals anders sein, seit der Fluch auf ihm haftete. Er hatte sich daran gewöhnt. Die grauen Wolken, die Feuchtigkeit. Die Nässe.. Immerhin blieb der Regen draußen und ließ sich auch mit Hilfsmitteln - wie Regenschirme - gut abhalten. Er hatte sich daran gewöhnt. Wenn er schlief, kam die Sonne raus. War er wach, waren die dunklen Wolken da. Keiner in der Stadt wusste, warum das Wetter seit einigen Monaten einen sehr gleichmäßigen Rhythmus hatte. Keiner außer ihm. Und genauso sollte es auch bleiben.
Er versuchte nie länger als ein Jahr an einem Ort zu bleiben. Er wollte es nicht riskieren, dass jemand sein Geheimnis herausfand. Er lernte Autofahren in seinem ersten Jahr mit dem Fluch. Er wurde Taxifahrer. Er erzählte bei jedem Vorstellungsgespräch das gleiche: Er war rastlos und suchte seinen Platz in der Welt, weshalb er viel umher zog und verschiedene Städte und Orte kennenlernen wollte. Die meisten akzeptieren dies. Er fuhr für das Unternehmen mit seinem eigenen Auto und musste nur 10 % seines Einkommens abgeben.
Er mochte diese Stadt. Er mochte die Menschen. Es wirkte hier so lebendig.
Es war eine ganz normale Nacht, als es passierte. Ein Fahrgast, vom Hauptbahnhof, wollte zu einem Hotel am anderen Ende der Stadt. Eine Fahrt, die gut 20 Minuten brauchen würde. Kurz fragte er sich, warum dieser gutaussehende andere Mann nicht einfach in eine der U-Bahnen genommen hatte. Er hatte kaum Gepäck bei sich. Nur einen größeren Rucksack, nichts, was in einer U-Bahn unnormal wäre. Und in dieser großen Stadt war immer was los.
Aber er wollte seinen Fahrgast nicht hinterfragen. Es brachte ihm Geld und der andere Mann würde sicherlich seine Gründe haben. Wenn er diese erzählt bekäme, wäre das in Ordnung, wenn sie eine schweigende Fahrt haben würde, konnte er damit auch umgehen. Er hatte viel gelernt in seinen Jahren als Taxifahrer. Er hatte gelernt die Menschen zu lesen. Er hatte gelernt auf sie einzugehen. Er hatte gelernt, sie zu ignorieren, wenn sie es mit ihm taten.
Der aktuelle Gast wirkte entschlossen und schweigsam. Zurückhaltend. Es würde also vermutlich eine ruhige Fahrt werden.
Er hatte recht behalten. Der Regen hatte gleichmäßig und stetig auf die Windschutzscheibe seines Autos geprasselt, die Straßen waren angenehm zu fahren, auch wenn diese Stadt niemals schlief. Er hatte es vermieden, dem Mann Blicke über den Rückspiegel zu zuwerfen. Das war einfach nur unhöflich. Er kannte Kollegen, die dies taten. Sei es aus Angst oder sei es auf Neugier. Er war keiner davon.
Es war eine ganz normale Nacht, als es passierte. Er hielt an dem Hotel und beendete seinen Zähler. Er nannte den Preis. Er bekam einen Schein und wollte schon nach einem Wechselgeld greifen, als er ein “Der Rest ist Trinkgeld" hörte. Er setzte sich wieder gerade hin. “Vielen Dank, Sir.”
Die Augen des Mannes wirken freundlich, als er nickte und mitsamt seinem Rucksack ausstieg und zum Eingang des Hotels ging. Der Gast blickte nur noch kurz zurück, ehe er durch die Türe aus dem Regen hinein in das trockene warme Hotel ging.
Er fuhr wieder los. Als er an einer der Ampeln hielt, bemerkte er ein Glitzern auf seinem Rücksitz. Hatte sein Passagier etwas vergessen? Der Fahrer überlegte nicht lange und fuhr zum nächsten freien Parkplatz und stieg aus dem Wagen. Er öffnete die hintere Türe und beugte sich in sein Auto hinein. Durch das schwache Licht der Laterne erkannte er eine Münze. Vorsichtig hob er sie auf und betrachtete sie von beiden Seiten. Es war keine Geld Münze, soviel stand für ihn fest. Beide Seiten hatten ungewöhnliche Gravuren. Eine Sonne. Einen Helm. Vielleicht ein Glücksbringer? Er würde, bevor er nach Hause fahren würde, die Münze beim Hotel abgeben, mit dem Hinweis, dass der Mann, der um etwa 1 Uhr nachts gekommen war, diese in seinem Taxi vergessen hatte.
Vorsichtig steckte er die Goldmünze ein und fuhr wieder los.
Er hatte die Nacht noch drei weitere Fahrgäste. Keiner wollte in das Hotel, wie der Mann, der die Münze verloren hatte. Damit konnte er leben. Er plante sein Leben nach seinem Fluch, also konnte er auch seinen Feierabend - eigentlich ja Feier-Morgen - nach seinen Fahrgästen planen. Was hatte er sonst für ein Leben? Seinen Fluch loswerden konnte er nicht. Er war bei diversen Wahrsager, angeblichen Hexen und Menschen gewesen, die angeblich mit den Toten sprechen konnten. Keiner konnte ihm helfen. Er hatte gelernt, damit zu leben. Die Sonne nur von der Ferne zu sehen und nie wieder zu spüren. Einen Regenbogen nie wieder zu sehen.
Nachdem er die letzte halbe Stunde ironischerweise an einem Bahnhof auf weitere Gäste gewartet hatte, holte er sich erstmal etwas zu essen, ein belegtes Brötchen, das er in der Bäckerei aß. Im Regen vor seinem Auto stehen, ohne Schirm, wollte er nicht und im Auto essen war keine Option. Sein Auto blieb sauber. Er verdiente damit seinen Lebensunterhalt und je weniger oft es grundgereinigt werden musste, desto besser. Außerdem war das Grundreinigen bei Regen nervig.
Er ging ebenfalls in der Bäckerei noch auf die Toilette, ehe er sich auf den Weg machte, den Glückbringer dem Mann ins Hotel zu bringen. Die Fahrt dahin war kürzer. Und immer noch regnerisch. Was hatte er auch anderes erwartet?
Er parkte in einer der Nebenstraßen, holte seinen Schirm hervor und stieg aus. Immerhin mochte er den Regengeruch.
Als er durch die trockene Lobby des Hotels schritt, prasselte der Regen sanft gegen die Fenster. Der Schirm tropfte leicht auf den Boden. Die Mitarbeiterin an der Rezeption blickte ihn freundlich an. “Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?”, fragte sie. “Ich bin Taxifahrer und habe heute Nacht um etwa 1 Uhr einen Fahrgast hier abgesetzt. Dieser hat in meinem Taxi eine Goldmünze verloren. Ich wollte ihm diese nur vorbringen.”
Ein Lächeln erschien auf den Lippen der Rezeptionistin. “Ah, ja. Ich erinnere mich. Ich soll Ihnen diesen Brief geben und sagen, dass Sie die Münze behalten sollen. Den Brief bitte erst bei Ihnen zu Hause öffnen. Das hat der Herr stark betont.
Der Taxifahrer war verwirrt. Es hörte sich so an, als hätte sein Gast die Münze in seinem Auto extra liegen lassen. Und einen Brief hatte er auch vorbereitet. Hatte er ihn gesucht? Wusste er um seinen Fluch und wollte ihn benutzen? Entführen? An komische Wissenschaftler verraten? oder vielleicht war er selber einer von ihnen?
Der Mann sah unsicher den unauffälligen weißen Briefumschlag an. Er wirkte nicht sehr dick, allerdings sehr robust. Er starrte einige Sekunden auf ihn, ehe er ihn vorsichtig an sich nahm. Er würde diesen auf gar keinen Fall in seiner Wohnung öffnen. Er würde zu seinem Taxi zurückkehren, sicherstellen, dass keiner daran rumgepfuscht hatte und sich dann darin einschließen, um den Brief zu lesen. Er gab zu, dass er neugierig war. Warum hatte ein ihm fremder, gutaussehender Mann einen Brief hinterlassen und extra eine Goldmünze in seinem Auto verloren? Was wäre passiert, wenn er die Münze nicht zurückgebracht hätte?
Er bedankte sich bei der Hotelangestellten, nahm den Umschlag in die Hand und ging in Richtung der großen Türe. Er öffnete seinen Regenschirm und zwang sich den Weg, bis zu seinem Auto nicht auf den Brief zu starren. Vielleicht wurde er von dem Mann beobachtet oder von mehreren Personen.
An seinem Auto angekommen, konnte er von außen nichts erkennen. Er war vielleicht ein paar Minuten im Hotel gewesen, was immer noch genug Zeit war, um es zu manipulieren. Er stand ein paar Schritte weg, als er es öffnete. Es passierte nichts außergewöhnliches. Er öffnete die Beifahrertüre vorsichtig und legte den Brief auf den Sitz. Dann legte er den Regenschirm beiseite und untersuchte sein Auto von außen. Nichts. Er öffnete die Motorhaube und den Kofferraum. Nichts.
Er klappte die Rückbank um und suchte unter den Vordersitzen. Auch nichts. Er öffnete alle weiteren Klappen und Fächer im Auto und konnte nichts Ungewöhnliches feststellen.
Er war sich nicht zu einhundert Prozent sicher, dass an seinem Auto nicht herum gepfuscht worden war, da er allerdings auch nichts gefunden hatte, beschloss er sich auf den Fahrersitz zu setzen, sich einzuschließen und den Brief zu lesen.
Er öffnete den Umschlag vorsichtig und fand darin nur ein gefaltetes Blatt Papier und einen Ring mit einem Totenkopf an einer Kette. Wieso hatte er das vorher nicht bemerkt? Er war verwirrt. Sehr verwirrt. Vielleicht konnte der Brief ihm einige Antworten geben. Vorsichtig entfaltete er es und begann zu lesen.
“Guten Morgen,
vermutlich bist du ganz verwirrt, warum dir ein Mitarbeiter*in aus dem Hotel diesen Brief übergeben hat, anstatt die Goldmünze an sich zu nehmen. Ich kenne dich. Ich wusste, dass du die Münze nicht einfach irgendwo abgibst, sonder zu dem Hotel bringst und ich wusste auch, dass sie dir auffällt. Dafür sind wir Halbgötter mit ADHS. Uns fällt sowas auf. Uns lässt sowas nicht los. Du bist sicherlich nicht in deine Wohnung gefahren, sondern liest noch in deinem Taxi. Ich kenne dich. Wenn du bereit bist mich zu treffen, gehe in das Hotel zurück. Ich werde in der Lobby auf dich warten, da ich angerufen werde, wenn du den Brief abgeholt hast. Ich kann dir helfen, dass du wieder die Sonne siehst. Ohne dir zu schaden. Ich bin wie du. Ein Halbgott. Ti Amo”
Er war nur noch mehr verwirrt. Das hatte ihn nicht wirklich weiter gebracht. Wer war sein Fahrgast? Woher kannte er ihn und woher wusste er von dem Fluch? Was würde jetzt passieren? Was meinte er mit Halbgöttern? Was würde jetzt gleich mit ihm passieren, wenn er wieder in das Hotel ging? Was würde passieren, wenn er nicht in das Hotel ging? Wenn er einfach weg fahren, kündigen und seine Reise in die nächste Stadt fortsetzen würde? Würde der Mann oder die Personen ihn wieder finden? Wäre das eine auf ewig angelegte Jagd, wenn er jetzt einfach davonfahren würde?
Er dachte nach und drehte gedankenverloren das Papier um. Dort stand noch ein Satz, den er nicht hatte lesen können, als der Brief gefaltet war. Oder er war vorher einfach noch nicht da, was wusste er schon? Er war verflucht, warum sollte man dann nicht auch einen Satz erscheinen lassen können, wenn der Rest des Briefes gelesen worden war?
“Ich habe dir versprochen dich zu finden”
Er musste zugeben, dass er neugierig war. Und müde. Zu viel Regen. Zu viel graue Tage. Keine Sohne. Nur dicke dunklen Wolken. Er wollte nicht mehr.
Nach ein paar Minuten stieg er wieder aus dem Auto. Ohne Brief. ohne Schirm. Mit dem Ring. Mit der Goldmünze. Es war ein regnerischer Morgen, wie ihn die Stadt lange nicht mehr gesehen hatte. Er ging wieder zu dem Eingang zurück und blieb zögerlich an der Türe stehen. Sollte er sie wirklich aufmachen? Ein paar Zweifel kamen in ihm auf und seine Selbstsicherheit war weg.
Dann öffnete sich die Tür. Er blickte direkt in das Gesicht des Fahrgastes von heute Nacht. “Ich kenne dich eben am besten”, flüsterte der Mann und lächelte. Der Taxifahrer fühlte Vertrautheit in sich aufsteigen. Vielleicht weil er den Mann wirklich kannte. Vielleicht weil er ihn heute Nacht gesehen hatte. Vielleicht weil er einfach zu müde war, um etwas anderes zu fühlen.
“Lass mir dir helfen”, sagte der Mann weiter und trat zu ihm hinaus in den Regen. Der Taxifahrer stand still und beobachtete den anderen gutaussehenden Mann. Dieser stand vor ihm, sie trennten nur noch wenige Zentimeter. “Vertrau mir”, flüsterte der Mann und beugte sich leicht vor, während er seinen Kopf neigte. Der Fahren schloss aus reflex ebenfalls die Augen.
Dann trafen Lippen auf seine.
Ein Kuss.
Er öffnete seine Augen.
Kein Regen mehr.
“Na endlich! Wie hat euch meine neue Erfindung gefallen, Nico? Will? Kritik?", fragte Leo ganz aufgeregt und hüpfte hin und her. Will stöhnte. “Das war grausam." Wirklich grausam. Wieso haben wir uns freiwillig gemeldet?", murmelte Nico und begann vorsichtig die Kabel von seinem Kopf abzumachen. Der Kleber der Elektroden ließ sich leicht lösen. Immerhin etwas. “Weil du nicht wolltest, dass Leo jüngere oder schwächere Camper nimmt”, murmelte Will und grinste, während er sich ebenfalls die Kabel von seinem Kopf entfernte. “und ich dich das nicht alleine machen lassen wollte.”
“Also, was würdest ihr verbessern?”, fragte der Sohn des Hephaistos aufgeregt. “Die Story, nicht jeder ist romischt und will jemanden küssen um das Szenario zu beenden, deshalb die Möglichkeit zu entkommen, dass nur einer sich daran erinnern kann, dass beide in einem Versuch von dir gefangen ist, es muss eine Möglichkeit zu geben, das ganze abzubrechen. Weißt du, wie schwierig es war, da rauszukommen? Du willst, dass wir ‘echte Videospiele’ haben, die ‘im eigenen Kopf zu erleben sind’. Wir sind hier Kinder”, ratterte der Sohn des Hades herunter, während sein fester Freund neben ihm stand und zustimmend nickte. “Teenager”, warf Leo ein und bekam einen bösen Blick von Nico zu spüren. “Egal! Es ist viel zu gefährlich. Modifiziere es! Weniger Gefährlich, mehr Spaß! Und dann testen wir es nochmal!”, rief der Sohn des Hades aus, während er verzweifelt die Arme hoch warf. Leo grinste freudig. "Ihr würdet nochmal testen, wenn ich es verbessert habe? Super! Dann gebe ich euch gerne Bescheid!”
Will stöhnte genervt auf. “Ein fester Freund wird dir gut tun, haben sie gesagt. Es wird toll, haben sie gesagt. Nico, warum hast du ihm gesagt, dass wir nochmal testen?” Der Sohn des Hades verdreht die Augen. Er ignorierte Leo, der schon am vor sich hin murmeln war und sich Notizen machte. “Wir Leo davon ablassen? Nein. Also besser wir als die anderen Camper, Will. Du willst ja nicht, dass ich das alleine mache”, nuschelte der Schwarzhaarige die letzten Worte. Der Sohn des Apollo seufzte auf, nahm die Hand von Nico und ging langsam los in Richtung des Essens Pavillons. Er zog des Jüngeren mehr oder weniger mit für ein paar Schritte, ehe er sich seinem Schicksal ergab und neben dem Blonden ging. “Du hast ja recht, Sunshine. Komm, wir essen was. Das ganze hat mich mehr mitgenommen und hungrig gemacht, als ich vorher gedacht hatte." Will grinste. Nico lächelte.
"Ich habe dir versprochen, dich zu finden."
Beide gingen Hand in Hand und genossen die Sonne. Immerhin hatten sie einige Zeit in Leos Erfindung verbracht und die Story hatte nunmal nur Regen enthalten. Für beide.
“Das hast du. Danke!"
Sie würden sicherlich in ein paar Tagen ihrem Freund erneut mit seinem Projekt helfen. Solange, bis sie zufrieden waren und die Camper hoffentlich eine tolle neue Möglichkeit hatten, ab und zu ihren Alltag zu vergessen.
