Work Text:
Rene Kleist ist ein sehr geduliger Mensch.
Das ist eine Grundvoraussetzung, wenn man in seinem Job erfolgreich sein will. Jemand, der täglich mit Trauernden zu tun hat, die sich um die Bestattung eines geliebten Verblichenen kümmern müssen, muss auch dann ruhig bleiben, wenn jedes Mal, wenn das Gespräch auf die Wahl eines Sarges kommt, das Gegenüber in Tränen ausbricht.
Auch in seiner Ehe muss Rene geduldig sein.
Sehr geduldig.
Hofrat Alfons Seywald mag zwar Renes große Liebe sein, aber er ist auch die größte Herausforderung für Renes Nerven.
Eigentlich wollte Fonsi nur kurz zu Herrn Wolfgang gehen und für Kaffee-Nachschub sorgen. Aber jetzt stehen die beiden schon seit geschlagenen zehn Minuten zusammen und …
Was Rene am meisten verwundert: Es ist Herr Wollfgang, der den Großteil der Zeit das Reden übernimmt. Fonsi steht daneben, sieht sehr interessiert aus und nickt immer mal wieder.
Ein wenig irritiert greift Rene zu seiner Tasse — und stellt sie sofort wieder ab. Sie ist leer. Wäre sie das nicht, wäre auch sein Ehemann noch hier an seiner Seite.
Frustriert nimmt sich Rene stattdessen die Zeitung, blättert ein etwas darin und …
"Rene, Schatz, entschuldige bitte, dass es ein bissl länger gedauert hat. Dafür hab ich dir gleich was mitgebracht."
Rene lässt die Zeitung sinken. Vor ihm steht Fonsi und grinst über beide Ohren. Er wippt sogar ein wenig auf den Zehenspitzen, als wäre er ungeduldig. Dabei ist Rene doch derjenige, der viel zu lange warten hat müssen.
Mit einem inneren Seufzen registriert Rene, dass er selbst zu lächeln beginnt. Es geht einfach nicht anders. So sehr er seinem Mann sagen möchte, dass ihn die ewige Warterei nervt, so wenig ist ihm das in diesem Moment möglich.
Fonsi sieht einfach so herrlich süß aus, wie er da vor Rene steht, voller Vorfreude und mit zwei Tassen Kaffee in seinen Händen.
Rene rutscht also demonstrativ auf die Seite, damit Fonsi wieder neben ihm auf der Bank Platz nehmen kann.
Fonsi stellt die Tassen auf den Tisch und setzt sich hin. Seine Hüfte berührt Renes.
Als Rene die Hand ausstreckt und eine der beiden Tassen zu sich ziehen möchte, legt Fonsi eine Hand auf Renes Unterarm.
"Momenterl. Nicht so schnell."
Rene zieht seine Hand wieder zurück. Ein oder zwei weitere Minuten kann er auch noch warten. Obwohl er doch schon langsam echt ungeduldig wird.
"Das ist nicht dein üblicher Mokka oder eine einfache Melange. Wir haben es hier mit einem Klassiker der Wiener Kaffeehauskultur zu tun."
"Wir sind aber in Salzburg …", beginnt Rene.
Doch Alfons wischt den Einwand mit einer Handbewegung fort. "Wenns um den Kaffee geht, dann ist Wien immer noch das Maß der Dinge, ja?"
Rene neigt versöhnlich seinen Kopf. Es hat keinen Sinn, sich deswegen zu streiten.
"Das hier ist eine Kaisermelange. Und wenn du dich fragst, was an diesem Kaffee so besonders ist, dann müssen wir einen kleinen Ausflug in die Geschichte machen."
Langsam dämmert Rene was sein Ehemann vorhin so lange mit Herrn Wolfgang zu bereden hatte. Dieses Insiderwissen kommt wohl nicht von ungefähr.
"Zur damaligen Zeit gab es Krieg. Das Land litt. Das Volk hungerte. Grundnahrungsmittel waren ein Luxus, den nicht einmal die Herrscher mehr im Überfluss hatten. Und wenn selbst der Kaiser sparen muss, dann …" Fonsi verzieht sein Gesicht und zuckt mit den Schultern.
"Und was hat das jetzt mit meinem Kaffee zu tun?"
"Nicht so ungeduldig, lieber Rene", lacht Fonsi. "Also … wie gesagt, es war im tiefsten Mittelalter …"
"Ich möchte anmerken, Herr Hofrat, dass sich diese Ereignisse während des ersten Weltkriegs zugezogen haben sollen", unterbricht Herr Wolfgang vom Nebentisch, wo er gerade das benutzte Geschirr der letzten Kundschaft abräumt.
Alfons verdreht die Augen. "Na gut, dann eben nicht mehr ganz Mittelalter. Aber der Kern der Geschichte bleibt der gleiche."
"Exakt", stimmt Herr Wolfgang bei.
Alfons öffnet den Mund und will offenbar weiter erzählen, da kommt ihm Herr Wolfgang zuvor. "Die Milch wurde knapp, der Kaiser wollte seinen Kaffee nicht schwarz, also haben findige Kaffeehausbesitzer stattdessen Eigelb benutzt", fasst er mit knappen Worten die Herkunft zusammen.
"Ach, Herr Wolfgang! Jetzt haben Sie die ganze Geschichte vorweggenommen", beschwert sich Alfons.
"Pardon", entschuldigt sich Herr Wolfgang und verschwindet mit den leeren Tassen und Tellern in die Küche.
Rene ist ihm dafür dankbar. Denn jetzt schiebt Fonsi ihm eine der beiden Tassen hin und Rene kann endlich seinen Kaffee trinken. Auch wenn da offenbar ein Ei drinnen ist.
