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Characters:
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Language:
Deutsch
Series:
Part 4 of Polizeiruf 110: Lehrer AU
Stats:
Published:
2023-02-19
Words:
2,633
Chapters:
1/1
Comments:
7
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51
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2
Hits:
265

Krapfen für alle

Summary:

„Sind Sie ein Prinz?“, erkundigt sich Lotte mit großen Augen.
„Ein Märchenprinz?“, sagt Paul fasziniert, mit genauso großen Augen.

Work Text:

“Wie sehe ich aus?”, will Alma von ihrer Mama wissen, nun, da ihr Kostüm vollständig ist. Alle gemeinsam haben sie daran gearbeitet: Alma hat den Umhang mit glitzernden Stoffsternen beklebt, die Bastelkünste ihres Papa haben die goldene schmale Krone hervorgebracht, die Alma trägt, und ihre Mama hat eine schwarze kurze Weste umgenäht und an Almas Größe angepasst.

„Super. Ganz toll!“, erklärt sie lächelnd, als Alma sich um die eigene Achse dreht.

„Unsere mächtige Magier-Prinzessin“, ergänzt ihr Papa, gegen den Türrahmen von Almas Kinderzimmer gelehnt. Er sieht stolz aus, findet Alma, und ihr Herz pocht warm und stark.

„Nicht vergessen, ihr müsst morgen in die Schule“, erinnert sie ihre Eltern.

Almas Papa tippt sich an seine Schläfe, natürlich, er vergisst nichts. Almas Mama wiederum… Streng mustert Alma sie, damit sie morgen nicht versehentlich weiterschläft und zu spät oder sogar vielleicht gar nicht kommt.

„Bereit für die Geisterbahn“, sagt ihr Papa.

„Bereit für… eine Gabe an den Kuchenstand“, sagt ihre Mama. Stumm glucksend nickt sie. „Hab daran gedacht, keine Sorge. Wir bringen übrigens Muffins mit.“

-

Die Muffins – Geschmacksrichtung Vanille und teilweise mit Schokoladentropfen verziert – sind wichtig, weil Almas Schule Fasching feiert. Das passiert jedes Jahr und an diesem Tag gibt es keinen Unterricht. Stattdessen werden die Räume von Almas Schule besonders dekoriert, zu einem Urwald, oder vollständig dunkel, wo nur kleine Lampen die zur Seite geräumten Tische und Stühle erleuchten.

Die Schüler und Schülerinnen können außerdem, wenn sie wollen, Stempel in den unterschiedlichen Themenräumen sammeln, indem sie bestimmte Aufgaben erfüllen. Neben den Lehrern sind dort oft einige Erwachsene, die sich freiwillig gemeldet haben, und zum Beispiel die Stempel verteilen, als Schauspieler agieren oder bei der Snackausgabe helfen.

„Meine große Schwester macht heute bei der Geisterbahn mit“, verkündet Paul, als sich Alma mit ihm und Lotte vor der Schule trifft. Wie jedes Mal an Fasching und an Halloween und an Geburtstagen hat Paul ein schwarzes enges Skelettkostüm angezogen, das muss sein. Alma hat die Kostümwahl bereits von ihm erwartet und freut sich darüber. „Wie dein Papa, oder?“

„Jap.“ Alma nickt.

„Echt?“, fragt Lotte. An ihrem Haarreif wippen ein Paar Fühler passend zu ihrem Regenbogen-Marienkäfer-Kleid auf und ab. „Uii, der kann bestimmt richtig gut erschrecken!“

„Na, ich weiß nicht.“ Ein wenig kritisch verzieht Alma das Gesicht, denn ihre Freunde haben noch nicht erlebt, wie ihr Papa sich inmitten der spannenden Filme, die Alma gucken darf, manchmal die Augen zuhält. Vielleicht spielt er das, möglich wäre es, aber das glaubt Alma eigentlich nicht.

„Ist er auch ein Skelett?“, fragt Paul eifrig. Bevor Alma antworten kann, macht er laut: „Pscht, nein sag es lieber nicht! Ich will mich überraschen lassen!“

Alma wechselt einen Blick mit Lotte. Sie beide grinsen. Da muss Paul wohl Geduld aufbringen, denn die Geisterbahn ist für gewöhnlich in einem hinteren Teil der Schule untergebracht, und Lotte besteht meistens darauf, dass sie die Räume der Reihenfolge nach besuchen.

Fröhlich zuckt Alma mit den Achseln. „Okay, dann nicht.“ Wahrscheinlich wird Paul in seiner Neugier ohnehin nicht allzu lange durchhalten.

„Ich warte“, schwört Paul leise. „Ich warte…“

Sie begeben sich auf den Weg durch die mächtigen Flügeltüren der Schule und über den Flur zum ersten Themenraum. Auf den Gängen sind die Wände mit bunten Luftschlangen verziert und aufgeblasene Luftballons liegen herum. Alma, Lotte und Paul mischen sich unter die anderen Kinder, die in vielfältigen Kostümen lachend die Ballons hin- und herwerfen, alleine oder in kleinen Grüppchen und mit Stempelkarte in der Hand zum nächsten Bereich ziehen.

„Willkommen in meinem Königreich“, begrüßt sie Herr Król im ersten Raum, in dem sie normalerweise Kunstunterricht haben, als sie eintreten. Hübsch und edel wirkt Herr Król in dunkelblauem langen Mantel, hohen schwarzen Stiefeln und dem Silberreif auf dem Haar. Vollkommen anders als sonst. Herr Króls Hemden und Hosen aus dem Alltag sind viel langweiliger.

„Sind Sie ein Prinz?“, erkundigt sich Lotte mit großen Augen.

„Ein Märchenprinz?“, sagt Paul fasziniert, mit genauso großen Augen.

„Wenn ihr mein Rätsel löst, werdet ihr reich entlohnt“, antwortet Herr Król, zwinkert der Gruppe zu. So wie Paul ihn anblickt, ist die Frage um das Skelettkostüm von Almas Papa soeben zur Nebensache geworden. Alma bemüht sich, ihr Grinsen zu verbergen.

„Wir lösen die Rätsel!“, entscheidet Lotte, nach dem ersten verzauberten Moment voll auf ihre Aufgabe konzentriert.

„Ja…“, murmelt Paul.

„Ja!“, sagt Alma überzeugt.

Daraufhin überreicht Herr Król ihnen ein Bilderpuzzle, bei dem sie die richtigen Teile finden, ausschneiden und zusammensetzen sollen. Ihre Lösung ist das Märchen, das sich aus dem fertigen Bild ergibt. Als Gruppe benötigen sie nicht lange, um diese Aufgabe zu knacken: „Schneewittchen und sie sieben Zwerge“, präsentieren sie Herr Król das aufgeklebte Märchen.

„Sehr gut“, lobt Herr Król und zückt seinen Stempel für ihre Karten.

-

Die nächsten Stationen durchlaufen sie zu dritt reibungslos und ohne Probleme. Rasch schaffen sie es durch Frau Wisniewskis Vokabelspiel, danach brauen sie im magischen Labor von Herr Kaminski und Herr Neumann aus Brausepulver und bedachtsam abgewogenen Zutaten einen Zaubertrank, für den sie ebenfalls einen Stempel erhalten.

Kurz machen Alma, Lotte und Paul einen Abstecher an den Snacktischen, auf denen unter anderem die mitgebrachten Muffins angeboten werden, neben Wasser, Saft, unterschiedlichen Krapfen, Obstspießen, Kuchenstücken und Pizzaschnecken.

„Daff follte ef echt öfffter geben“, meint Paul mit vollem Mund, einen Muffin in der linken Hand, einen Obstspieß in der rechten. „Direktor Pawlak, warum ist nicht immer Fasching?“, fragt er diesen, denn wenn ihr Schuldirektor gerade neben ihnen das Buffett beäugt, kann man beiläufig solch essentielle Ermittlungen beginnen.

Alma überlegt, ob eine Analyse dieser Frage sich zu weiteren Untersuchungen in den nächsten Pausen eignet.

Direktor Pawlak blickt zu Paul, dann zu dem Muffin und dem Obstspieß in seinen Händen.

„Weil“, sagt er. „Nun… Dieser Tag ist… für meine Belegschaft eine einzigartige Herausforderung.“

„Aha“, nickt Paul, legt den Kopf schief. „Aha…?“

„Ada- Herr Raczek zum Beispiel. Herr Raczek hat sich bereits über die… Erschwernisse, die diese Feierlichkeiten mit sich bringen, beschwert.“

„Hat er das?“ Lotte zieht die Augenbrauen zusammen. „Was ist schwer? Hat er keine Lust, den Mattenwagen zu schieben? Vielleicht kann er sich irgendwo hinsetzen und Sie können das für ihn tun?“

Direktor Pawlak scheint, als wolle er etwas sagen, schüttelt dann allerdings den Kopf. „Es ist nicht… Also. Was für einige ein Spaß ist, empfinden andere heute als komplexe Angelegenheit, der sie sich vielleicht nicht gewachsen sehen.“

Auf dem Weg zur Turnhalle, dem Bereich von Herrn Raczek, und der letzten Station vor der Geisterbahn, beratschlagen sie sich alle über diese geheimnisvollen Worte.

„Was, wenn es um das Wachsen geht? Und dass die Lehrer wie wir Kuchen essen wollen anstatt in der Geisterbahn zu arbeiten? Und dass sie wieder Kind sein wollen?“, fragt Alma.

„Hmm. Versteh ich.“ Paul trägt einen weiteren Muffin mit sich – „Für den Weg. Man muss immer genug mitnehmen. Wegen der Energie, sagt mein Bruder.“

„Wir können deiner Schwester und deinem Papa und allen in der Geisterbahn ja ein paar Muffins bringen. Damit sie nicht so traurig sind, dass sie jetzt erwachsen und alt sind und dass sie deswegen keinen Spaß mehr haben können“, schlägt Lotte vor.

Das empfindet Alma als schöne Idee! „Oh ja! Und für Herr Raczek holen wir auch was, wenn er Fasching so schlimm findet. Essen macht Probleme oft besser.“

Als sie in der Turnhalle ankommen, sehen sie sofort, warum Fasching für Herrn Raczek nicht leicht ist: Wie Herr Król steht er sich zwischen den verkleideten Kindern in langem Mantel, seiner ist tiefgrün, hohen Stiefeln und mit silbernem Reif um seiner Stirn. Bei schnellen Bewegungen von Herrn Raczek schwingt der Mantel elegant mit.

„Noch ein Märchenprinz“, haucht Paul.

„Sie haben fast das gleiche Kostüm wie Herr Król“, spricht Lotte diesen Zufall begeistert aus und Alma blinzelt verwirrt.

„Ja“, seufzt Herr Raczek neben einer umgedrehten Bank und einigen Medizinbällen. Er reibt sich über die Stirn. „Das war Vince- Das war die Idee von Herrn Ross.“

„Er will, dass Sie und Herr Król miteinander kämpfen, mit Schwertern und so? Um eine Prinzessin, die sie heiraten wollen?“ Paul klingt beeindruckt.

„Oder um einen anderen Prinzen. Oder eben… um was die Prinzessin oder der Prinz je nach Tageslaune ist“, murmelt Herr Raczek kaum hörbar.

„Aber Pferde gibt es hier nicht, worauf reiten Sie und Herr Król dann?“, möchte Alma wissen. Das ergibt doch keinen Sinn, dass Herr Ross seinen Freund anzieht wie Herr Król, und mit so wenig Verständnis fürs Detail. Da hat Alma Besseres von Herrn Ross erwartet. Oder besteht zwischen Herr Raczek und Herr Król etwa eine Verbindung, die sie noch nicht erraten haben?

Herr Raczek hustet, als hätte er sich verschluckt. „Reiten, wa-… Ihr braucht sicher einen Stempel?“ Danach scheucht er sie direkt durch den Parcours in der Halle, bei dem sie auf Bänken balancieren, Bälle und Seile werfen und über kleine Kisten hüpfen sollen, ohne dass sie die Diskussion weiterführen können. „Herr Raczek“, keucht Paul, während dieser ihre Karten abstempelt. „Herr Raczek, haben Sie Hunger? Wollen Sie deswegen kein Prinz sein?“

„Wer sagt denn, dass ich kein Prinz sein will?“ Herr Raczek gibt ihnen die Karten wieder zurück. Amüsiert zieht er einen Mundwinkel nach oben.

„Ich weiß nicht. Ich dachte immer, Prinzen sind jünger als sie. Und,“ Paul gestikuliert auf und ab, während Herr Raczek eine Augenbraue hochzieht. „Naja. Können Sie ein Land anführen und so, wenn Sie es schwer finden, einen Mattenwagen zu schieben? Direktor Pawlak hat gesagt, dass Sie heute viele Probleme haben und ein König oder ein Prinz, der keinen Mattenwagen schieben kann, wird bestimmt schnell von seinen Feinden fertig gemacht.“

„Oder sie brauchen einen zweiten Prinzen. Oder einen dritten. Auf jeden Fall mehrere, die Ihnen helfen“, wendet Lotte ein.

Praktisch, dass sie Herr Raczek all diese Dinge aufzeigen, beim nächsten Fasching muss er somit Bescheid wissen. Durch ihre Unterstützung hat er die Möglichkeit, sich im Voraus Leute für sein Königreich zu suchen, die er mag, so wie bei der Tafelrunde, davon hat Almas Mama ihr Geschichten erzählt. In der Turnhalle ist bestimmt genug Platz für einen riesigen Tisch.

„Und ein edles Ross brauchen Sie auch“, erklärt Alma.

„Das hab ich schon…“, erwidert Herr Raczek zum Abschied. Seine Augen funkeln, und Alma ist froh, dass er zumindest diese Bedingung an einen Märchenprinzen erfüllt. Selbst wenn sie die sachte Sorge hat, dass es möglicherweise ein ganz stures Pferd ist, das nicht immer gehorcht, wenn Herr Raczek etwas von ihm möchte.

-

„Du hast tatsächlich durchgehalten“, stellt Lotte fest, als sie schließlich vor den Räumen der Geisterbahn stehen. Die Türen sind mit Fledermäusen und Sternen aus Karton beklebt, die sie vorher im Kunstunterricht angefertigt haben.

„Ja“, bestätigt Paul zufrieden. „Aber jetzt kann ich nicht mehr warten.“

Sie schreiten in die Dunkelheit des Raumes, der nur an einigen Stellen schummrig beleuchtet wird. Die Vorhänge sind zugezogen, Alma kann einige glitzrige Girlanden an den Wänden und der Decke erahnen. Nicht lange müssen sie warten, bis Almas Papa sich aus einer Gruppe von Kindern und Erwachsenen löst und durch die Düsternis auf sie zukommt.

„Hereinspaziert! Willkommen bei den Geistern“, begrüßt er sie.

Obwohl Alma Paul schemenhaft sieht, weiß sie, dass er glücklich grinst. Der schwarz-weiße Skelettpullover von ihrem Papa leuchtet im Dunkeln.

„Voll cool“, entscheidet Paul. „Oberhammermegacool.“

„Na, unterstützt ihr uns, ein paar Rätsel zu lösen, damit wir Gespenster und Monster aus diesem Raum entkommen und im Rest der Schule spuken können?“ Almas Papa deutet zu den anderen verkleideten Personen im Raum.

Alma tut so, als würde sie darüber erst einmal nachdenken. „Also, wenn du hierbleibst…“

„… wer macht dann zuhause Pommes und Fischstäbchen für dich…“, überlegt Almas Papa weiter und sie hört das Lächeln in seiner Stimme.

„Ja, das geht nicht, richtig. Da müssen wir euch wohl wirklich helfen“, stimmt Alma zu.

„Also meine Schwester macht mir nie Pommes und Fischstäbchen. Sie kann noch eine Weile drinbleiben“, sagt Paul, woraufhin Lotte ihn mit dem Ellenbogen anstößt. „Ja, oder wir helfen halt. Klar. Wir sind ja nett.“

Daraufhin werden sie von Almas Papa zu einem Tisch mit der ersten Aufgabe geführt, an dem neben einer kleinen Lampe ein Vampir mit spitzen Zähnen, weißem Rüschenhemd und langem Umhang sitzt. Seine Haare sind streng nach hinten gelegt und seine Haut ist blass, bis auf die Augen, die dunkel geschminkt sind. An seinen Fingern trägt er einige glänzende Ringe.

„Herr Ross?“, fragt Lotte.

Uii, denkt Alma. So gruselig hat sie Herrn Ross zuvor noch nie erlebt. Wenn sie bei ihm im Büro einen Kakao trinkt oder ihm auf dem Schulflur begegnet, sieht er ständig freundlich aus. Aber Herr Ross lächelt und sogar als Vampir wirkt er plötzlich nett und höflich. „Hallo, Lotte. Schönes Kostüm.“

„Danke. Ich bin ein Regenbogenmarienkäfer, weil Regenbögen schön sind.“

„Das finde ich auch“, bestätigt Herr Ross. „Bunt ist immer gut.“

„Können wir Ihnen bei etwas helfen?“ Paul scheint Herrn Ross nicht allzu furchteinflößend zu finden, oder möglicherweise ist er gedanklich mit dem Pullover von Almas Papa beschäftigt.

Herr Ross schiebt ihnen über den Tisch Papier und einige Stifte herüber. „Gerne, ich suche nämlich nach einem Namen für die Burg, auf der ich wohne. Vielleicht habt ihr kreative Vorschläge?“

Eine tolle Aufgabe – Lotte lacht und greift nach einem der Stifte. Herr Ross freut sich ehrlich, als sie ihm ihre aufgeschriebenen Ideen geben.

„Diese distanzierten Vampire auf ihren Burgen“, kommentiert Almas Papa in der Nähe.  „Macht einen Besuch schwer.“

Herr Ross nickt weise. „Furchtbar. Muss man alle zu ihrem Glück zwingen. Wenn Sie von ihrem abgelegenen Schloss im Saarland nicht runterkommen.“

„Wo ist denn das Saarland?“, flüstert Paul.

„Keine Ahnung.“ Lotte zuckt mit ihren Schultern.

„Bestimmt nicht in Deutschland, wenn da Vampire wohnen“, schätzt Alma.

Bei Pauls Schwester erraten sie anschließend im Dunkeln die Geschmacksrichtungen von Obstsorten und Schokolade und an einem weiteren Tisch entwerfen sie mit Buntstiften ein individuelles Monster. Nachher gönnen sie sich draußen auf dem Schulhof eine Pause an der frischen Luft, lassen auf einer Bank die Beine baumeln. Paul knabbert an einem Karottenspieß, Alma schlürft ein Trinkpäckchen.

„Wir müssen Herr Raczek noch was zu essen bringen“, erinnert Lotte sie und hält ihr Gesicht in die Sonne.

Stimmt, der Tag ist beinahe vorbei. Inzwischen sollten sie sich bei dieser Aufgabe beeilen.

-

Als sie in der Turnhalle eintreffen, ist diese bereits leer und alle Kinder sind entweder in den Klassenräumen, auf dem Schulhof oder schon nach Hause gegangen.

„Herr Raczek?“, ruft Paul laut.

Die Medizinbälle, Bänke und Kästen stehen weiterhin verteilt in der Halle herum, also kann Herr Raczek nicht allzu weit sein, wenn er noch aufräumen muss.

„Im Geräteraum?“, schlägt Lotte vor. Sie stiefeln alle zu diesem hin, und bei dem Anblick, der sich ihnen dort bietet, bekommt Alma einen großen Schreck.

„Ich dachte, Sie beißen niemanden!“, ruft sie entsetzt. Denn das, was Herr Ross da gerade am Hals von Herrn Raczek tut, sieht leider danach aus. Außerdem hält Herr Ross das Handgelenk von Herr Raczek fest, und drückt ihn gegen die Wand des Geräteraums, sodass dieser sich schlecht wehren kann. „Sie sind doch ein netter Vampir!“

Ruckartig löst sich Herr Ross von Herr Raczek, räuspert sich, scheinbar verlegen. Das sollte er auch sein, denkt Alma. Leute zu beißen geht gar nicht, und vor allem den eigenen Märchenprinzen zu beißen, ist sicher verboten!

„Ich… wollte einmal testen, wie Herr Raczeks Blut schmeckt“, sagt Herr Ross.

Herr Raczeks Ohren sind ganz rot. Das bedeutet, er hat noch genug Blut, so viel kann Herr Ross nicht getrunken haben. Gut, dass sie ihn unterbrochen haben.

„Und? Wie ist es?“, fragt Paul.

„Ähm. Sehr. Sehr süß“, antwortet Herr Ross. Seine Ohren sind nun ebenfalls rot, was bei einem sonst blassen Vampir irgendwie merkwürdig aussieht.

„Wir haben Ihnen Muffins mitgebracht.“ Lotte überreicht Herr Raczek zwei in Servietten gewickelte Pakete. „Die sind auch süß.“ Sie wirft Herr Ross einen vorwurfsvollen Blick zu; genau, wenn er einen Snack möchte, kann er sich schließlich an Kuchen halten, nicht an seinen Freund.

„Danke“, sagt Herr Raczek.

„Danke“, wiederholt Herr Ross schwach lächelnd.

Innerlich schüttelt Alma den Kopf. So ein kompetenter Märchenprinz ist Herr Raczek doch nicht. Hätte er ein liebes Pferd gehabt, wäre eine Flucht viel wahrscheinlicher gewesen.

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